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Ruhrtriennale

Star-Choreograf Bruno Beltrão kommt zur Ruhrtriennale

22.08.2013 | 19:07 Uhr
Star-Choreograf Bruno Beltrão kommt zur Ruhrtriennale
Bruno Beltraos Choreografie „CRACKz“ wird bei der Ruhrtriennale gezeigt.Foto: Bea Borgers

Essen.   Die Grupo de Rua des brasilianischen Star-Choreografen Bruno Beltrão kommt zur Ruhrtriennale und gastiert mit seiner neuen Choreografie „CRACKz“, die im Mai beim Kunstenfestival des Arts in Brüssel uraufgeführt wurde. Beltrão ist ein Analytiker des Hip-Hop, bei dem Moves zur Methode werden.

Bruno Beltrão ist ein Choreograf der Reibung. Den affektiven Hip-Hop geht der Brasilianer analytisch an. Er hinterfragt seine Strukturen, zerlegt ihn in seine Einzelteile, zeigt Moves als Methode. Straßentanz wird bei ihm bühnentauglich, und bleibt dabei doch athletisch, präzise, energiegeladen und berauschend.

Beltrão ist selbst ein echter Breaker. „Er beherrscht alle Codes des Hip-Hop, aber er hat sie übersetzt. Er nutzt sie, um räumliche Strukturen zu choreografieren“, sagt Stefan Hilterhaus, künstlerischer Leiter des Essener Tanzzentrums PACT Zollverein. Er verfolgt die Arbeit des 33-jährigen Choreografen seit vielen Jahren, besuchte Beltrão und seine 1996 gegründete Grupo de Rua bei Proben in Rio de Janeiro, erzählt vom familiären Zusammenleben der jungen Truppe und schwärmt von der körperlichen Disziplin der kraftvollen und ausdauerstarken Tänzer.

Seit fünf Jahren ist das Stück in Arbeit

Mit dem Team der Ruhrtriennale hat Hilterhausdie neue Arbeit Beltrãos zum Ruhrgebiets-Festival eingeladen, „CRACKz“ ist ab 24. August bei PACT Zollverein zu sehen. Es ist die erste Arbeit des Brasilianers seit fünf Jahren. Zuletzt feierte er mit „H3“ (2008) große internationale Erfolge. Als (Hip-Hop-)Regelbrecher und Grenzensprenger passt Beltrão gut in Heiner Goebbels’ Triennale-Konzept. Irritationen und Überraschungen gehören zum spartenübergreifenden Kunstverständnis des Ruhrtriennale-Intendanten. Er kündigt Produktionen an, die nicht belehren oder etwas mitteilen wollen, sondern eine Erfahrung möglich machen sollen.

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Selbstgebaute Instrumente, "kollektive Halluzinationen" und ein begehbarer Wasserturm - die Ruhrtriennale geht mit spektakulären Produktionen in die zweite Spielzeit unter Heiner Goebbels. Welche der 150 Veranstaltungen preiswürdig sind, soll am Ende eine besonders ehrliche Jury entscheiden.

Und Beltrão? Der ermöglicht den anderen Blick auf standardisierte Bewegungsformen, weil er sie neu im Raumkomponiert, weil er die Asphalt-Moves im zeitgenössischen Tanz verankert, weil erseine B-Boys nicht zu lauten Beats battlen lässt. Stattdessen schmiegen sie sich auch mal in einem liebevoll-virtuosen Duett aneinander. Wie auch in „CRACKz“, das im Mai beim Kunstenfestival des Arts in Brüssel uraufgeführt wurde.

Aus dem Internet geklaute Gesten

Dafür haben Beltrão und seine 13 Performerchoreografisches Material aus dem Internet gesammelt und recycled, heißt es in der Stück-Ankündigung. Geklaute Gesten also, im muskelspannenden Körper-Upload für die Tanzbühne. Sie kopieren sich auch gegenseitig, die zwölf Tänzer und die eine starke Tänzerin (zum ersten Mal gehört eine Frau zur Grupo de Rua). Bewegt sich einer vom Bühnenrand aufs Ereignisfeld, folgen die anderen imitierend.

Zu sehen sind Dauer-Drehungen, auch mal auf den Knien. Ein langsames Beine-über-den-Boden-Schleifen. Rasante Sprünge. Mal mit- und mal gegeneinander schrauben sie sich auf quietschenden Turnschuhen durch den Raum. In geduckter Haltung signalisieren sie entschiedene Angriffslust im artistischen Kampftanz Capoeira.

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Große Projekte fordern gewaltigen Einsatz. Von der Thermoskanne bis zum Trockeneis werden für ein außergewöhnliches Musiktheaterprojekt der Ruhrtriennale 2013 auch ungewöhnliche Kräfte mobilisiert.

Dabei ist die Atmosphäre doch erstaunlich gedämpft. Klar, es gibt das coole Ghetto-Gepose, die ausgestellte Muskelkraft, das rhythmische Ringen um die Pole-Position. Aber trotz aller energetischen Expressivität bleiben die Performer doch In-sich-Gekehrte. Sie buhlen nicht um die Gunst des Publikums wie die typischen Hip-Hop-Solisten. Und wie gewohnt, lässt Beltrão kaum Musik spielen. Diese stille Kampfansage hat etwas Makabres, als gäre da etwas unter der konzentrierten Oberfläche.

Dramaturgisch noch nicht ausgereift

Bei der Uraufführung wirkte die Arbeit dramaturgisch noch nicht ausgereift. Aber der „Hip-Hop-Philosoph“ zieht das Publikum an. Noch vor der Uraufführung nannte Stefan HilterhausBeltrão einen heißen Anwärter auf einen derChildren’s Choice Awards, die auch in diesem Jahr wieder bei der Ruhrtriennale von einer Kinderjury vergeben werden. Der Brasilianer bringt die Sprache der Straße auf die Bühne, übersetzt akrobatische Virtuosität in Choreografie, von der auch die zeitgenössische Tanzszene überzeugt ist. Ein Grenzenverschieber eben.

Termine: 24., 25., 31. August und 1. September, PACT Zollverein Essen, www.ruhrtriennale.de

Sarah Heppekausen


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