Spannende „Rusalka“-Deutung am Aalto-Theater

Therapiebedarf für eine Märchenbraut: „Rusalka“ in der Deutung Lotte de Beers am Essener Aalto-Theater
Therapiebedarf für eine Märchenbraut: „Rusalka“ in der Deutung Lotte de Beers am Essener Aalto-Theater
Foto: Â©Bettina Stöß
Was wir bereits wissen
Alles fließt, nicht nur im Reich der Nixen. Auf die Gezeiten der Psyche setzt Lotte de Beers Deutung der „Rusalka“, die ab sofort an Essens Opernhaus zu sehen ist.

Essen.. Eine Bühne voller Badewannen. Statt des romantischen Silbermondes wölbt sich das schimmernde Rund einer OP-Lampe über der Szene, während Rusalka ihr berühmtes Lied an den Mond singt. Bei Regisseurin Lotte de Beer wird die Opernbühne zum Seziertisch

Das naturalistische Märchen von der Wassernixe, die aus Liebe zu einem Menschen-Mann ihre eigene Natur aufgibt und das Erlangen einer menschlichen Gestalt mit dem Verlust ihrer Stimme bezahlt, mutiert bei dieser letzten Saison-Premiere am Essener Aalto-Theater zu einer vielschichtigen Initiations- und Triebgeschichte dezidiert feministischer Deutung.

[kein Linktext vorhanden] Während des Vorspiels der unter Tomáš Netopil glutvoll und farbenreich agierenden Essener Philharmoniker deutet sich an, wohin Rusalkas Reise führt. Eltern übergeben ein offensichtlich widerspenstiges Mädchen einer Heilanstalt. Dr. Freuds berühmtes Arbeitszimmer mit Schreibtisch und teppichbehängter Couch werden so zum Ausgangspunkt einer Traumreise, die zwar Unterbewusstes aufscheinen lässt, im Grunde aber Machtmechanismen vor allem in Form männlicher Fantasien und deren Durchsetzung in nicht immer neuen, aber packenden Bildern zeigt.

Grandiose und beklemmende Bilder

Statt Nixe ein Nymphchen. Statt eines Fischschwanzes zerschneidet die Hexe, die wie die Mutter aus der Eingangsszene daherkommt, ein bodenlanges Korsett, in dem Rusalka wie gefangen in der Wanne liegt. Wasserkur, Triebentladung, Hysterie: Rusalkas Schrei bleibt nun stumm, dafür kann sie die Beine spreizen, menschlich lieben, wenn Er will oder nicht. Denn der Prinz erweist sich als wankelmütig, kann mit der kleinen Stummen nichts anfangen, versteht sie buchstäblich nicht – und vergnügt sich mit der schönen Fürstin.

Lotte de Beer erzählt nicht nur eine stringente Geschichte, changierend auf mehreren Ebenen zwischen Traum, Wirklichkeit, Verletzlichkeit. Freuds Ausspruch „Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben“ zieht sich durch diese Geschichte. Immer wieder lässt de Beer den Psychoanalytiker stoisch beobachtend hinzutreten. Rusalka als Experiment, an dessen Ende sich Menschen-, Wasser- und Zwischennatur in drei düsteren Zellen unter der Klinik finden – und verlieren. Denn nach Rusalkas letztem Kuss ist der Prinz nicht mehr.

Die Frau als Projektion des Mannes

Lotte de Beers gleichfalls niederländisches Ausstattungsduo Clement & Sanôu (Eddy van der Laan und Pepijn Rozing) entwirft dafür grandiose, teils beklemmende Bilder. Die wabernde Wasserwelt mit wogenden Badewannen auf bewegter Hubpodien-Bühne, die Jagdszene, in der Jäger statt Wild erlegte Frauen aufreihen, die Ballszene, in der befrackte Männlichkeit locker bekleidete Weiblichkeit ins stramme Korsett zwängt, während Krinolinen wie Lüster von der Decke schweben. Die Frau als Projektion des Mannes . . .

Theater Tomáš Netopil lässt mit seinen Essenern die symphonische, folkloristisch durchsetzte Partitur seines Landsmannes Antonin Dvorak subtil leuchten, webt die Motive feinsinnig ineinander, wo Jaroslav Kvapils Libretto Leerstellen lässt. Sandra Janusaite verleiht der Titelpartie neben lyrischem Schmelz berührende Bühnenpräsenz. Ladislav Elgr ist mit strahlender Höhe, dunkler, erotischer Mittellage ein Prinz nicht nur aus dem vokalen Bilderbuch und Lindsay Ammann besticht als Hexe mit dramatischem gut fokussiertem Mezzo.

Musikalische Meriten

Katrin Kapplusch: eine üppige Fürstin. Almas Svilpa verleiht dem Wassermann starkes Profil. Aber auch die kleineren Partien, wie das schillernde Elfentrio mit Christina Clark, Ieva Prudnikovaite und Liliana de Sousa oder der Heger Martijn Cornets, zeugen vom sängerischen Niveau. Mit dieser Produktion hat Essen eine Facette des slawischen Repertoires, der Dank der musikalischen Meriten und der analysierenden Deutung eine längere Verweildauer zu wünschen ist.