So kreativ trotzen Stiftungen der Zins-Krise

Zu den Förderprojekten der  Stiftung Kirchenmusik im Sauerland gehört auch ein Orgelstipendium.
Zu den Förderprojekten der Stiftung Kirchenmusik im Sauerland gehört auch ein Orgelstipendium.
Foto: Kathrin Koppe-Bäumer
Was wir bereits wissen
Das Zinstief macht auch Stiftungen zu schaffen. Ohne sie wären viele Kulturprojekte nicht möglich. Mit viel Kreativität steuern sie gegen die Krise.

Hagen.. Der angesehene und hoch dotierte Iserlohner Kunstpreis wird 2015 nicht aufgelegt. Damit reagiert die Bürgerstiftung der Sparkasse Iserlohn auf die anhaltende Zinskrise. Alle Stiftungen haben derzeit Schwierigkeiten, Ausschüttungen zu generieren. Doch ohne bürgerschaftliches Engagement würde in der Region kaum noch ein Vorhang hochgehen. Mit viel Kreativität meistern die Einrichtungen derzeit eine scheinbar ausweglose Situation. Wir stellen ausgewählte Beispiele vor.

Das Speckgürtel-Konzept

„Wenn diese Phase noch einige Jahre so weitergeht, wird das auch uns betreffen und die Ausschüttungskraft massiv beeinflussen“, konstatiert Karola Müller als Schatzmeisterin der Stiftung Philharmonie Südwestfalen. Mit über 10 Millionen Euro Stammkapital gehört sie zu den größten Musikstiftungen im Land. Die Einlagen wurden je zur Hälfte von der Krombacher-Mitgesellschafterin und Mäzenin Barbara Lambrecht-Schadeberg eingebracht und vom Kreis Siegen-Wittgenstein. Damit werden einerseits besondere Aktionen des Orchesters realisiert und andererseits laufende Kosten getragen, um den Kreishaushalt zu entlasten.

„Das Zinstief ist für alle Stiftungen ein Riesenproblem, weil viele sehr konservativ anlegen“, so Karola Müller, die hauptberuflich bei der Sparkasse Siegen tätig ist. „Man muss sich in guten Zeiten einen Speckgürtel zulegen, den man in schlechten Zeiten anknabbern kann.“ (philsw.de)

Wer singt, betet doppelt

„Wir haben jetzt fast 600. 000 Euro Stammkapital zusammen, wir können eine Durststrecke überwinden“, schildert Pastor i.R. Hartmut Köllner, Vorsitzender der Stiftung Kirchenmusik im Sauerland. Die wurde 2006 gegründet, um Orgelklang und Choralgesang in der Region langfristig zu sichern, nachdem die ev. Gemeinde Arnsberg die Arbeit von Kirchenmusikdirektor Gerd Weimar nicht mehr finanzieren konnte. 90. 000 Euro im Jahr schüttet die Stiftung aus, für eine halbe Kirchenmusikerstelle, die vier Chöre und Projekte wie das Orgelstipendium.

Das ist viel Geld, aber das Team lässt sich auch viel einfallen, unter anderem den Verkauf von eigenem Stiftungswein. Derzeit werben die Sauerländer allerdings weniger um Zustiftungen denn um zeitnah verwendbare Spenden, alles getreu dem Luther-Spruch: „Wer singt, betet doppelt.“ (stiftungkirchenmusik.de)

Auftritt an der Börse

Die Bürgerstiftung der Theaterfreunde Hagen befindet sich erst im Aufbau. Sie will den Erhalt des Theaters Hagen langfristig sichern. Knapp 400. 000 Euro befinden sich im Stock. Viele stiftungswillige Hagener zögern noch, da die gewaltige Schuldenlast der Stadt ohnehin von den Bürgern geschultert werden muss, zum Beispiel mit einem Grundsteuer-Hebesatz von 780 Prozent. Dennoch ist Klaus Hacker zuversichtlich. Der Vorsitzende des Theaterfördervereins und frühere Sparkassenvorstand berät die Stiftungsspitze um Dr.-ing Hans-Toni Junius bei der Anlage des Kapitals.

Sachverstand und Erfahrung helfen über das Tief hinweg. „Mit drei bis vier Prozent Zinsen erwirtschaften wir weniger, als wir mal gedacht haben, aber immer noch mehr als die meisten anderen“, so Hacker. „Wir haben Anlagen gekauft, die uns Erträge bringen, zum Beispiel Investmentfonds, die speziell für Stiftungen aufgelegt sind, die dürfen 30 Prozent Aktienanteil halten, und Unternehmensanleihen.“ Mit den Ausschüttungen werden Aufgaben im Theater unterstützt. (theater100.de)

Kooperation als Kunst

Die Werner Richard Dr. Carl Dörken-Stiftung mit Sitz in Herdecke gehört zu den größten Kulturförderern in Deutschland. „Wir haben im vergangenen und vorvergangenen Jahr sehr vorsichtig operiert und nicht alles gemacht, was wir hätten machen können“, erläutert Stiftungsvorstand Dr. Jochen Plaßmann. „Wenn das Zinsniveau die Quelle der Einkünfte darstellt, ist jede Stiftung betroffen.“ Aber die Dörken-Stiftung finanziert sich nicht alleine aus Zinsen, sondern durch eine Beteiligung an der Unternehmensgruppe. „Wir können die großen Programme uneingeschränkt weiterführen“, freut sich Plaßmann. Dazu gehören Musikförderung, Stipendien für Nachwuchskünstler und soziale Projekte wie den Freiwilligendienst. Der Herdecker rät vor allem kleineren Stiftungen zur Kooperation. „Wenn zwei oder drei Stiftungen mit gemeinsamem Zweck zusammenfinden, habe ich wieder Kapital beisammen, mit dem ich etwas bewirken kann.“ (doerken-stiftung.de)