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Sex & drugs und Musik von Rihanna

27.09.2012 | 13:36 Uhr
Foto: /dapd/David Hecker

Von Zauber und Abenteuer keine Spur: Joanne K. Rowlings neuer Roman ist gespickt mit Sozialkritik, das Sittengemälde einer Kleinstadt in England. Die Menschen in Pagford leben scheinbar in einer Idylle; es geht um Ehebruch, Alkoholsucht, Gewalt in der Familie und versteckten Rassismus. Und dann gibt es da noch Fields, die Sozialsiedlung am Rande der Gemeinde - vielen Bewohnern ein Dorn im Auge.

Berlin (dapd). Von Zauber und Abenteuer keine Spur: Joanne K. Rowlings neuer Roman ist gespickt mit Sozialkritik, das Sittengemälde einer Kleinstadt in England. Die Menschen in Pagford leben nur scheinbar in einer Idylle; es geht um Ehebruch, Alkoholsucht, Gewalt in der Familie und versteckten Rassismus. Und dann gibt es da noch Fields, die Sozialsiedlung am Rande der Gemeinde - vielen Bewohnern ein Dorn im Auge.

Nicht so Barry Fairbrother, der "Der plötzliche Todesfall" im Roman ist und damit quasi Hauptfigur der Geschichte. Fairbrother stammte aus Fields und hatte sich hochgearbeitet, mit Frau und vier Kindern bewohnte er ein schmuckes Haus in Pagford. Als Mitglied des Gemeinderates setzte er sich sehr für Jugendliche aus der Sozialsiedlung ein, darunter auch für die 16-jährige Krystal, die mit ihrer drogensüchtigen Mutter und dem kleinen Bruder Robbie in einer heruntergekommenen Wohnung in Fields lebt.

Fairbrothers Tod löst bei den Honoratioren von Pagford - und nicht nur ihnen - eine erregte Debatte aus: Es geht um die Nachfolge im Gemeinderat und damit auch um die Frage, ob Fields ein Teil Pagfords bleiben wird. Absolut dagegen ist zum Beispiel Howard Mollison, Feinkosthändler und Vorsitzender des Gemeinderates. Nicht nur deshalb verband ihn und seine Frau Shirley mit Fairbrother eine tiefe Feindschaft. Nach dessen Tod versucht er alles, die Wahl des neuen Gemeinderatsmitglieds nach seinen Vorstellungen zu manipulieren.

Dann gibt es noch Mollisons Sohn, den Anwalt Miles, mehr oder weniger glücklich verheiratet mit Samantha. Miles' Partner Gavin ist liiert mit der Sozialarbeiterin Kay, die mit ihrer Tochter gerade nach Pagford gezogen ist. Sie hofft auf eine feste Beziehung, aber Gavin liebt eigentlich eine andere. Die aus Pakistan stammende Arztfamilie Jakwanda hat ihre ganz eigenen Probleme, Tochter Sukhwinder kämpft mit der Pubertät und sucht Halt bei Gaia, der Tochter von Kay, sowie bei Krystal. Andrew Price, ein Schulkamerad der drei, leidet wie der Rest seiner Familie unter dem gewalttätigen Vater.

Eine Schule gibt es auch, die allerdings nichts, aber auch gar nichts mit dem Zauberinternat Hogwarts zu tun: Ein persönliches Drama überschattet die Ehe des stellvertretenden Leiters der Gesamtschule Winterdown, Colin Wall, und seiner Frau Tessa - beide enge Freunde der Fairbrothers. Ihr Sohn Stuart "Fats" Wall ist auf dramatische Art und Weise am tragischen Höhepunkt beteiligt - die Familie jedoch wird aus der Tragödie gestärkt herausgehen.

Verglichen mit den jugendfreien "Harry-Potter"-Geschichten, in denen es höchstens einmal zu einem scheuen Kuss kam, geht es in "Der plötzliche Todesfall" in jeder Hinsicht zur Sache: Rowling beschreibt Geschlechtsverkehr ebenso wie Drogenkonsum und spart nicht mit Vulgärausdrücken ("Pickelfresse", "Scheißkerl"), auch das Wort "ficken" kommt mehrfach vor. Kritik deswegen wies sie bereits vor der Veröffentlichung des Buches zurück: Sie habe immer wieder betont, dass ihr neuer Roman kein Kinderbuch sei, bekräftigte sie jetzt noch einmal in einem BBC-Interview.

Der altmodische Schriftzug auf dem Titel täuscht: Die Geschichte spielt in der Gegenwart, die Gemeinde Pagford hat eine Homepage, die Jugendlichen sind bei Facebook und hören Musik von Rihanna. Der 576 Seiten lange Roman ist in sieben Teile gegliedert, jeder Teil wird eingeleitet mit einem Zitat aus der englischen Gemeindeordnung. Im ersten Teil, der rund 200 Seiten umfasst, werden im Großen und Ganzen die Protagonisten mit ihren Problemen eingeführt, anschließend entfaltet sich die Geschichte bis zum tragischen Höhepunkt. Rowling zeichnet die meisten Figuren erstaunlich differenziert, kaum einer ist "nur" gut oder "nur" böse. Die Fähigkeit zu Vielschichtigkeit hatten ihr viele Kritiker nicht zugetraut.

"Es ist mein erstes Buch nach Harry Potter. Es ist auch eine Befreiung", hatte die 47-jährige Bestsellerautorin in einem Interview des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" gesagt. "Bei diesem Buch war es mir am wichtigsten, dass ich selbst zufrieden bin." Keine Sorge, Joanne K. Rowling: Der Roman wird auch anderen gefallen.

dapd

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