Serienweise gute Fotos

Gelsenkirchen..  Es gibt Fotografien, die wirken nur als Teil einer Serie gut. Die besten Serien dagegen bestehen aus lauter Bildern, die allesamt auch einzeln, für sich bestehen können. Und für beides bietet die aktuelle Foto-Ausstellung „Projektzeit“ im Gelsenkirchener Wissenschaftspark schlagendes Anschauungsmaterial.

Allen voran Susan Feinds Hühner-Fotos: jedes einzelne, etwa im Format einer Zeitungsseite, gibt ein veritables Porträt ab (zumal sie zum Teil in repräsentativen, barock ausladenden Rahmen gehängt sind), wie es sich für eine blaublütige Ahnengalerie gehören würde. Hühner, deren Federn wie Haare oder Seidenfäden wirken, Hühner mit toupiert oder onduliert wirkenden Federn auf dem Kopf, Hühner, die grimmig zu gucken scheinen wie das weiße Seidenhuhn oder hochmütig wie sein schwarzer Artgenosse. Manche blicken gar majestätisch – aber all diese Zuschreibungen liegen selbstverständlich nur im Auge des Betrachters, Hühner haben ja gar kein Mienenspiel und üben es auch nicht vor dem Spiegel. Aber Susan Feind, die im Hinterhof ihres Ateliers sechs Hühner hält, gibt ihnen mit der Kamera jene Würde des Individuellen, die ihnen in der Massentierhaltung auf grausame Weise abhanden kommt.

Staunen, Schaudern, Anheimelnzwischen zwei Häusern

Das Wechselspiel zwischen Individuen und Gemeinschaft hat auch Thomas Bocian mit seinen „Baumporträts“ im Visier. Allerdings hat er die beinahe blattlosen Bäume so aufgenommen, dass sie in der Luft zu hängen scheinen, man sucht vergebens nach einem Stamm, einem Wurzelansatz – was den Baum wie mikroskopisch aufgenommenes Geäder wirken lässt, es gibt kein Oben und kein Unten mehr, die Krone der Baumschöpfung wird zum Gesicht im Wald.

Den seit über 100 Jahren existierenden „Deutschen Märchenwald“ als Phantasialand unserer Urgroßväter hat Norbert Enker mit irrlichternden Kunstfiguren-Aufnahmen ins Zwielicht gestellt: Da steht eine nette alte Dame in der Tür des Hexenhäuschens, da sanieren sich zwei Prinzessinnen im Badezimmer einer heruntergekommenen Altbauwohnung – und eine Skat kloppende Puppenrunde beim Rheinwein wirkt wie ein Mix aus Altenheim und Grimm.

Die Kunst der Künstlichkeit von Otto Pienes „Sky Art“ dokumentieren Rainer Schlautmanns Aufnahmen aus Berlin und Neuss, glasklar und mit einem Himmelsblau, das so tut, als wäre es ein Fotostudio. Wie alle anderen der gut zwei Dutzend ausgestellten Fotografen gehört auch Thomas Riehle, der eine veritable Schwarzweiß-Serie mit Rheinbrücken von der hölzernen Pont Russein im schweizerischen Disentis bis hin zur Waalbrug im holländischen Ewijk vorstellt, zum Pixelprojekt Ruhr.

Carsten Klein hingegen versteckt die Sahara in nachtblauen bis schwarzen Aufnahmen; Dirk Krül, der schon den Abbau der Kokerei Kaiserstuhl und ihren Wiederaufbau in China dokumentiert hat, zeigt Dreck und Elend der chinesischen Bergarbeiter in der Industriewüste einer blühenden Kohleförderung. Und Roland K. Berger unternimmt gemeinsam mit Peter Lück „In Between“ einen Gang durchs Ruhrgebiet: Durchgänge, Durchblicke zwischen zwei Häusern, die mit ihren winzigen Ausschnitten große Geschichten erzählen, Hinterhofgeschichten, von denen das Revier ja so viele hat.

Diese Fotografien lassen, was ja nicht viele von sich behaupten können, mit anderen Augen durch die Welt gehen: Sobald man den Wissenschaftspark verlassen hat, hält man Ausschau nach neuen Durchblicken zwischen zwei Häusern. Und kommt schon vor Ort zu umwerfenden Fundstücken, die Staunen, Schaudern und Anheimeln in sich vereinen.