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Sehnsucht nach der Struktur

28.08.2015 | 08:11 Uhr

Hagen. Dem Bild hinter den Bildern kommt man nur mit Hilfe des Zufalls auf die Spur. So könnte man das Schaffensprinzip der Maler Zdenek Sykora (1920 – 2011) und Emil Schumacher (1912 – 1999) gleichermaßen beschreiben. Unter dem Titel „System und Kraft der Linie“ zeigt das Hagener Emil-Schumacher-Museum jetzt eine Retrospektive des international anerkannten tschechischen Künstlers und stellt dessen Arbeiten ausgewählten Exponaten des Hagener Meisters gegenüber.

Einzigartige Zusammenstellung

Bei beiden spielt die Linie eine große Rolle und der Zufall als Inspirationsquelle. Doch ihre Wege zur Abstraktion könnten unterschiedlicher nicht sein. Obwohl Sykoras Werke in den großen Museen der Welt hängen – eine der Hagener Leihgaben kommt aus den Centre Pompidou in Paris – befinden sich sehr viele Gemälde auch in Privatbesitz. Das macht die Hagener Ausstellung so interessant, denn hier sind Werke zu sehen, die in diesem Umfang und in dieser Zusammenstellung wohl nie wieder gezeigt werden können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg interessierte sich Sykora als einer der Ersten für die damals noch junge Computerwissenschaft und nutzte sie, um seine Zufallsreihen berechnen zu lassen. „Doch er erkennt, dass sein System ihm nicht die Freiheit gibt, die er sucht“, erläutert Rouven Lotz als Wissenschaftlicher Leiter des Schumacher-Museums. Sykora entdeckt stattdessen die Linie. Und er wechselt vom Computer zu aleatorischen Mustern, um die konstruktiven Koordinaten seiner Malerei zu erhalten. Damit entsteht eine regelrechte Explosion an neuen Erkenntnissen.

Denn Sykoras Linienbilder erscheinen wie musikalische Partituren und astronomische Modelle zugleich. Sie legen Strukturen offen, die universell sind, die sich in der komplexen abstrakten Architektur einer Komposition ebenso widerspiegeln wie in den nicht minder komplexen Phänomenen der Astrophysik. Kosmische Strings scheinen in diesen Bildern Gestalt zu suchen ebenso wie kon­trapunktische Gewebe aus ganz unterschiedlichen Melodielinien.

Diese auffälligen Assoziationen sind nun wiederum kein Zufall. Denn der musikalische Sykora wusste natürlich, dass die Musik von böhmischen Meistern wie Leos Janacek auf der Struktur der Sprachmelodie basiert. „Er träumte davon, sein System in die Musik zu übertragen“, so seine Witwe Lenka Sykorova. Und er verfolgte gespannt die bahnbrechenden Erkenntnisse der Kosmologie, las alles von Stephen Hawking. So spiegelt seine Malerei auch eine Sehnsucht nach gefügten Strukturen, die das Universum im Innersten zusammenhalten.

Der Erde näher als den Sternen

Die Linien von Zdenek Sykora wirken nicht an den Bildträger gefesselt, sondern frei. „Das sind Bilder wie Partituren, sie können sich in alle Richtungen in die Unendlichkeit ausdehnen. Die Leinwand ist nur ein Ausschnitt davon, was diese Bilder sein könnten“, erläutert Rouven Lotz.

Während Sykora ins All blickt, ist Emil Schumacher der Erde näher als den Sternen. Während Sykora mathematisch kalkuliert arbeitet, nutzt Schumacher die spontane malerische Geste. Schumachers Linien graben sich tief zurück in die Zivilisationsgeschichte, erforschen, warum die ersten Höhlenmaler ihre Zeichen in die Felsen gezogen haben, reduzieren Landschaftsumrisse und Gesten zu Ur-Symbolen des menschlichen Erfahrungshorizontes, denen die Utopie der Transzendenz stets innewohnt.

„Diese Linienbilder von Sykora sind absolut einzigartig“, konstatiert Museumsdirektor Dr. Ulrich Schumacher, der den tschechischen Künstler schon vor 30 Jahren in Bottrop ausstellte und damit in Deutschland bekannt machte. „Das ist das Spannende an dieser Ausstellung, die beiden Künstlerpersönlichkeiten Sykora und Schumacher in einen Dialog zu bringen.“

Monika Willer

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Sehnsucht nach der Struktur
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http://www.derwesten.de/kultur/sehnsucht-nach-der-struktur-aimp-id11034891.html
2015-08-28 08:11
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