Seelenbilder und Denkapparate
12.02.2010 | 19:29 Uhr 2010-02-12T19:29:00+0100
Marl.Über 40 Augenpaare starren den Besucher an. Hölzerne Augen und steinerne, welche aus Bronze, aus Stahl, gar aus Samt. Kein Grund, gleich kopflos zu reagieren ob der Observation. Es geht in der Ausstellung „Von Angesicht zu Angesicht” im Marler Skulpturenmuseum schließlich ums menschliche Haupt.
Das Museum Glaskasten richtet den Fokus auf die Künstler, die sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Antlitz in all seinen Facetten auseinandergesetzt haben. Mit der äußeren, wiedererkennbaren Hülle, aber auch mit den inneren Werten.
Die Exponate stammen zur Hälfte aus dem Eigenbesitz, andere Skulpturen sind Leihgaben aus einigen der 20 „RuhrKunstMuseen”, die sich fürs Kulturhauptstadtjahr 2010 zusammengeschlossen haben. Es gibt naturalistische und abstrakte Köpfe, surreale und gefilmte, kubistische, expressionistische.
Den Bildhauern aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ging es vordergründig um das erkennbare Porträt, wie an Ernst Barlachs (1870-1938) naturalistischer Plastik der Schauspielerin Tilla Durieux aus dem Jahre 1912 zu sehen ist. Aber Barlach belässt es nicht bei Äußerlichkeiten, erlaubt vielmehr auch einen Blick in die Seele. Die abgeklärten Gesichtszüge repräsentieren einen souverän in sich ruhenden Menschen.
Käthe Kollwitz (1867-1945) ist mit gleich zwei bronzenen Selbstporträts vertreten. Ihre ernste Mimik wirkt wie eine stumme Klage gegen die Missstände dieser Welt. Frappierend an das Profil der berühmten Nofretete erinnert der expressive Bronzekopf von Bernhard Hoetger (1874-1949). Dabei kann der Künstler die ägyptische Büste gar nicht gekannt haben.
Werke aus der zweiten Jahrhunderthälfte dokumentieren eine zunehmende Entindividualisierung. Herbert Zangs interessiert bei seinen verweißten Häuptern vor allem die Form. Andere verleihen menschlichen Befindlichkeiten Ausdruck. Auf den Denkapparat hinter der Stirn zielen Arbeiten von Timm Ullrichs („Reise zum Mittelpunkt des Ichs”) oder von Arman ab, dessen „Mechanisches Gehirn” aus lauter Uhrenrädchen in einem Polyesterblock besteht. „End of a Dream”, zwei liegende Köpfe von Eduardo Paolozzi, erinnert an den Selbstmord eines japanischen Dichters. Auch zu sehen: das Markenzeichen des Marler Museums, die beiden Messing-Köpfe (1925) von Rudolf Belling. Eine Schau auf jeden Fall, die einem nicht so schnell aus dem Kopf geht.
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