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Schüler sind mit ihrem Latein nicht am Ende

09.01.2016 | 05:37 Uhr

Hagen. Sind die Gymnasien in Südwestfalen mit ihrem Latein am Ende? Für immer weniger Studienfächer ist das Latinum Zulassungsvoraussetzung. NRW will noch in diesem Sommer auch angehende Englisch-, Französisch und Spanischlehrer von der Pflicht entbinden, „errare humanum est“ buchstabieren zu können, eine Gesetzesänderung, die heftige Diskussionen auslöst. Wirkt sich das auf die Zahl der Schüler aus, die Latein als Fach wählen? Die Antwort verblüfft: Bisher gar nicht. In ganz NRW haben 2014 insgesamt 200 518 Jungen und Mädchen Cäsar und Cicero kennengelernt, das sind 25,5 Prozent aller Schüler. In Südwestfalen wächst die Zahl der Lateinlehrer laut Bezirksregierung Arnsberg sogar.

Latein trainiert die Konzentration

Der Finger der Reporterin gleitet im Zufallsmodus über die Landkarte der Region und trifft Brilon, Olpe und Ennepetal. Petrinum, St. Franziskus-Gymnasium und Reichenbach-Gymnasium. Die Überraschung ist groß, denn alle drei Schulleiter entpuppen sich als Lateinlehrer. Gibt es da einen Zusammenhang? „Verwundert Sie das“, fragt Dr. Gerlis Görg, Schulleiterin am St. Franziskus, mit einem Lächeln zurück. „Man ist als Lateiner schon ein strukturierter Denker, und das hilft allemal im Leben.“

Zwei Drittel der Schüler am St. Franziskus wählen Latein als zweite Fremdsprache, die veränderten Zulassungsbedingungen an den Universitäten haben bisher keinen Rückgang zur Folge. „Wir haben festgestellt, dass Latein das richtige Fach ist für Kinder, die gerne tüfteln. Latein hilft, sich besser zu konzentrieren, manche lernen auch Deutsch durch Latein. Es geht darum, lernen, zu lernen, aber es geht auch um die Inhalte“, betont die 57jährige Drolshagenerin und ergänzt: „Es ist schon schade, dass Latein für die Lehrerausbildung nicht mehr benötigt wird, denn es ist eine Grundlage, um Sprachen zu verstehen.“

Überhaupt sei es das falsche Argument, Latein nur als Eignungsvoraussetzung für die Universität zu legitimieren, davon ist Johannes Droste, Direktor des Briloner Gymnasiums Petrinum, überzeugt. „Es wird ja nicht das Latinum abgeschafft, sondern es ändern sich die Zulassungsbedingungen zu manchen Studiengängen.“ Am Petrinum gibt es einen leichten Überhang in Richtung Latein. Droste ist ein leidenschaftlicher Lateiner: „Die Sprache ist natürlich nicht tot. Es gibt kaum eine Kultur, die Europa in den vergangenen 2000 Jahren so geprägt hat wie die lateinische. Latein hält uns den Spiegel vor. Das Zeitalter, in dem wir leben, nennt man Kommunikationszeitalter. Da ist nichts wichtiger als Sprache. Im Lateinunterricht reflektieren wir das System Sprache. Das schult Argumentations- und Kommunikationsvermögen. Latein trainiert Denken und Sprachkompetenz. Darin liegt der Wert, das können andere Fächer nicht leisten.“

Lateingegner argumentieren gerne damit, dass der Unterricht die reinste Plackerei sei und zu viel Zeit koste, die andernorts nützlicher eingesetzt werden könne. „Wenn man alle jene Dinge abschafft, bei denen man sich anstrengen muss...“, wendet Dr. Stefan Krüger, Schulleiter des Reichenbach-Gymnasiums in Ennepetal, dagegen ein. „Wenn man im Sport Leistung fordert, fragt doch auch keiner danach, ob man dafür mal schwitzen muss.“

Am RGE nehmen jeweils die Hälfte der Kinder Latein und Französisch, die Zahlen sind seit Jahren stabil. „Die Diskussion, ob wir Latein noch brauchen, ist schon sehr alt. Ich finde es sinnvoll, zumindest was die allgemeine Hochschulreife betrifft, weil es Schüler auf ein sehr strukturiertes Arbeiten vorbereitet. Das hilft in anderen Fächern.“

Mit Englisch besser durch die Welt

Sic transit gloria mundi (so vergeht der Ruhm der Welt): Und wo sind sie nun, die Lateingegner. In Siegen werden wir fündig. Paul Behrensmeyer hat Chemie und Biologie studiert und auch ev. Religion. Dafür musste er Latein und Griechisch büffeln. Heute ist der 63-Jährige Direktor des Peter-Paul-Rubens-Gymnasiums. Hier gibt es eine klare Zweidrittelmehrheit für Französisch. „Die Alternative zu Latein ist nicht Französisch, sondern Spanisch. Das ist eine Weltsprache. Und die Sprache der Wissenschaften ist heute Englisch. Je besser ich Englisch kann, desto besser komme ich in der Welt zurecht. Wer aber grundsätzlich mit Sprachen Schwierigkeiten hat, für den ist Latein die sinnvollere Wahl. Denn in den modernen Fremdsprachen gibt es heute mündliche Prüfungen statt Klausuren.“

Woran mag es dennoch liegen, dass Latein auch nach 2000 Jahren noch in vieler Munde ist. Dr. Gerlis Görg hat eine Theorie: „Der Erfolg eines Faches hängt immer von der Qualität der Lehrer ab.“ Ita est (so ist es).

Monika Willer

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