Schuberts „Winterreise“ als große Tragödie

Dortmund..  Kammermusikalische Ereignisse wie ein Liederabend sind eher intime Angelegenheiten, da bleiben Kenner gewöhnlich unter sich. Umso mehr muss das fast ausverkaufte Gastspiel von Bariton Christian Gerhaher und seinem pianistischen Mitgestalter Gerold Huber im Dortmunder Konzerthaus als kleine Sensation gelten.

Gerhaher und Huber interpretierten in allergrößter Sorgfalt, in subtilster Differenzierung, mit Herzblut und bestechender Musikalität „Die Winterreise“. Schuberts Liedzyklus über eine einsame, zerrissene Seele, die durch eisige Kälte wandert, sich schönen Erinnerungen, peinigendem Schmerz und der Sehnsucht nach dem Tod hingibt, erfährt eine zutiefst berührende Deutung.

Gerhaher nutzt alle Register seiner Stimme. Ganz fahl kann sie klingen, nachtschwarz in tiefer Lage, bisweilen verführerisch, packend voluminös in den dramatischen Höhen. Der Bariton weiß, wann es gilt, den opernhaften Furor auszufahren, und vermag sich zurückzunehmen, um klirrende Kälte, seelische Erstarrung zu illustrieren. Pianist Gerold Huber ist ihm ein kongenialer Partner.

Wenn Gerhaher dabei Mal um Mal das Opernhafte betont, ohne jede Überzeichnung, dann entpuppt sich Schuberts Wanderer als Bruder des Wozzeck, dieser getriebenen, geschundenen, wahnbesessenen Gestalt in Alban Bergs Musikdrama. Das mag dem Liederabend die Intimität nehmen, dafür aber bekommt das Publikum die große Tragödie.