Schriftsteller Delius mit Büchner-Preis geehrt

Georg-Buechner-Preis fuer Delius
Georg-Buechner-Preis fuer Delius
Der Autor Friedrich Christian Delius hat in Darmstadt den mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis verliehen bekommen. "Meinungsvorsicht und Abstandhalten" seien die ersten Voraussetzungen zum Schreiben, sagte der 68-Jährige in seiner Dankesrede. Delius habe "heiße Eisen angefasst" und dabei einen kühlen Kopf bewahrt, hatte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zuvor in ihrer Laudatio erklärt.

Darmstadt.. Mit Verweisen auf die Einsamkeit eines Dichters hat sich der Schriftsteller Friedrich Christian Delius am Samstag in Darmstadt für die Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis bedankt. "Du kannst dich nur auf dich allein verlassen", sagte der 68-jährige Autor, der in Rom und Berlin lebt. "Was du sagen willst, musst du allein zu Papier bringen." Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verlieh in Darmstadt auch den Johann-Heinrich-Merck-Preis an Günter de Bruyn und den Sigmund-Freud-Preis an Arnold Esch.

Unparteilich, obwohl Achtundsechziger

Delius, der in seinen Texten oft politische und historische Themen aus Deutschlands Geschichte aufgreift, erforsche "kritisch, findig und erfinderisch" die Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert, hatte die Jury ihre diesjährige Entscheidung begründet. Der mit 50.000 Euro dotierte Büchner-Preis ist die bedeutendste Literaturauszeichnung in Deutschland, sie wird an herausragende Schriftsteller vergeben, dieses Jahr zum 60. Mal. Die Laudatio für Delius hielt die Autorin Sibylle Lewitscharoff.

"Obwohl Delius ein Achtundsechziger war, hat er doch die Klugheit besessen, sich parteilich davon nicht auffressen zu lassen", sagte Lewitscharoff. Als Chronist der Zeit habe er neuralgische Punkte der Bundesrepublik untersucht. Die Laudatorin erinnerte an das Buch "Ein Held der inneren Sicherheit", in dem Delius 1981 die Ermordung Hanns Martin Schleyers thematisiert. Wie "etliche andere Leute seiner politischen Ausrichtung" habe der Preisträger viel zur Demokratisierung der Bundesrepublik beigetragen.

Delius: "Ich schaue nicht zu, ich merke mir das"

Die von Delius 1999 verfasste Erzählung "Die Flatterzunge" wage sich auf das heikelste der heiklen Gebiete vor, sagte Lewitscharoff. Der Preisträger berichtet in dem Buch literarisch von einem tatsächlichen Vorfall 1997 in Tel Aviv, als ein Mitglied der Deutschen Oper Berlin in seinem Hotel einen Getränkebeleg mit "Adolf Hitler" unterzeichnete. "Delius hat mehr als nur ein heißes Eisen angefasst und dabei einen kühlen, sprich klugen Kopf bewahrt", erklärte die Laudatorin.

"Das Alleinsein, die Einsamkeit, das Abstandhalten, die Meinungsvorsicht, der Zweifel, das Schweigen sind die ersten Voraussetzungen, um zu schreiben", sagte Delius in seiner Dankesrede. Auf den Vorwurf "Du hältst dich raus, tust nichts" habe er die leise Antwort gefunden: "Doch, ich tue was, ich schaue zu, ich schaue nicht weg, ich merke mir das, ich hebe das auf."

Lebenskompetenz entstehe durch Lesekompetenz, erklärte der Preisträger. Und doch löse es heute keine Empörung mehr aus, wenn Sender, Verlage und Ministerien geistige Anstrengung, nicht aber das von ihnen "geforderte Analphabetentum" für gemeingefährlich hielten.

Akademie ehrt auch Günter de Bruyn und Arnold Esch

"Seit die bürgerlichen Werte an den Finanzplätzen verschleudert werden, der Liberalismus zum Lobbyismus und zur Marktblödheit verkommt", kritisierte der Preisträger, "scheinen die Demokraten in feudalistische Zeiten zurückzutaumeln". Der Wettkampf zwischen Schwarmverhalten und Eigensinn sei gleichwohl noch nicht entschieden. "Wenigstens in der Literatur haben wir eines der frei zugänglichen und vergleichsweise krisenfesten Paradiese" sagte Delius.

Wegen seiner "sprachkünstlerisch glanzvollen" Essays zur Kulturgeschichte Berlins verlieh die Akademie den Johann-Heinrich-Merck-Preis an den Berliner Autor Günter de Bruyn. Der 84-Jährige war wegen Krankheit nicht nach Darmstadt gekommen, sein Laudator war Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Den Sigmund-Freud-Preis nahm der Historiker Arnold Esch entgegen. Die Akademie ehrte ihn für seine wissenschaftliche Prosa. Beide Preise sind mit 12.500 Euro dotiert. (dapd)

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE