Schreiben lernt man mit Mut, sagt Doris Dörrie

Dreht gerade vor Ort „Grüße aus Fukushima“: Doris Dörrie.
Dreht gerade vor Ort „Grüße aus Fukushima“: Doris Dörrie.
Foto: Ursula Düren
Regie und Romane, das Alter und die Großmeisterin Alice Munro: Doris Dörrie über ihren neuen Film, ihr neues Buch und ihren 60. Geburtstag.

Essen.. Sie kann sonstwo auf der Welt unterwegs sein – trotzdem dauert es nur drei Minuten, bis Doris Dörrie eine E-Mail beantwortet: Ja natürlich, rufen Sie gerne an, hier ist meine japanische Handynummer! Mit Britta Heidemann sprach die (noch) 59-jährige Autorin und Filmemacherin über Frauen, Männer, das Alter – während sie, nach getaner Arbeit in der Region Fukushima, mit dem Auto den Weg zu einem Badehaus suchte.

Frau Dörrie, was machen Sie denn in Fukushima?

Doris Dörrie: Wir drehen hier einen Spielfilm, „Grüße aus Fukushima“.

Worum geht es?

Dörrie: Um eine alte Frau, die aus einer Notunterkunft zurückkehrt in ihr altes Haus in der zerstörten Zone. Und eine junge Frau begleitet sie und versucht, ihr zu helfen.

Hatten Sie keine Angst vor der Strahlung?

Dörrie: Doch, hatten wir schon. Aber inzwischen sind wir gut informiert und messen alles aus an den Orten, an denen wir drehen – und wissen dann, dass es okay ist.

Sie haben auch Ihren aktuellen Roman, „Diebe und Vampire“, in Japan geschrieben.

Dörrie: Ja, zumindest zu einem großen Teil. Ich hatte im vergangenen Jahr ein dreimonatiges Stipendium in Kyoto, und habe dort viel geschrieben. Inspiriert hatte mich unter anderem ein japanischer Roman, der die Geschichte eines Meisters und seines Schülers erzählt, „Kokoro“ von Natsume Soseki.

Ihr Roman erzählt von einer Schriftstellerin und einer jungen Frau, die sie bewundert. Das ist auch ein Roman über das Altern. Sie selbst feiern nun Ende Mai Ihren 60. Geburtstag – ist das eine böse Zahl für Sie?

Dörrie: Ja und nein. Das kann man ja immer selbst gar nicht glauben, dass man schon so alt wird. Andererseits ist es ja auch ganz schön, es überhaupt so weit geschafft zu haben, oder?

Für Frauen hat das Altern immer noch dramatischere Folgen als für Männer, ärgert Sie das?

Dörrie: Wenn es um die persönliche Seite geht – das lässt mich eher kalt. Aber auf beruflicher Ebene ärgert mich das durchaus, gerade im Filmgeschäft. Das müssen wir auch dringend ändern!

Sie setzen sich bei der Initiative ProQuote ein, die Frauen in der Filmbranche fördern will.

Dörrie: Genau deshalb! Ich habe 1986 meinen ersten Film gemacht. Damals hätte ich geschworen, dass wir 2015 über das Thema berufliche Gleichberechtigung ganz bestimmt nicht mehr reden müssen. Dass wir das immer noch tun müssen, das ist so peinlich, so völlig daneben. Deshalb müssen wir uns engagieren, auch wenn wir darüber stöhnen.

Man meint, im Alter würden die Menschen weise. In Ihrem Roman heißt es: „Als ich jung war, dachte ich, dass sich Neid, Eifersucht und Komplexe im Alter von selbst erledigen würden. Stattdessen litt ich immer stärker darunter.“

Dörrie: Nein, dass man weise wird, das denkt man nur, wenn man sehr jung ist. Aber ich glaube auch, dass wir von einer falschen Vorstellung ausgehen. Es ist ja nie so, dass man durch und durch alt ist. Oder durch und durch jung ist. Man erlebt verschiedene Altersstufen gleichzeitig. In der einen Minute ist man 17 und in der nächsten 104. Das geht den ganzen Tag so, wild changierend. Und zwischendurch ist man vielleicht auch mal in seinem realen Alter.

Die Schriftstellerin wird von Ihrer Protagonistin „Meisterin“ genannt, weil sie „wie niemand in Deutschland über den Alltag von Frauen“ schreibe, „dieses unentwirrbare Knäuel aus Männern, Ehrgeiz, Sex, Liebe, Kinderwunsch, Karriere, Schönheit, Alter“. Literaturkritiker aber nennen sie eine „schreibende Hausfrau“. Das ist ein Fluch, mit dem auch die Kanadierin Alice Munro belegt wurde.

Dörrie: Ja, das war Wolfgang Herles, der es wirklich gewagt hat, Alice Munro nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises so zu nennen. Eine Unverschämtheit.

Über einen Mann hätte er das wohl nicht gesagt?

Dörrie: Bestimmt nicht. Darauf könnten wir beide einiges verwetten.

Alice Munro ist jemand, den Sie sehr früh sehr geschätzt haben. Was mögen Sie so an ihr?

Dörrie: Ja, Alice Munro ist wirklich eine große Heldin von mir. Weil sie sehr genau ist. Nabokov hat davon gesprochen, „das göttliche Detail zu streicheln“ - „caress the divine detail“. Genau das macht Alice Munro zur Perfektion.

Haben Sie sie je persönlich kennengelernt?

Dörrie: Nein, aber wir haben uns mal Postkarten geschrieben. Ich wollte sie an die Filmakademie in München einladen, und sie hatte mir sehr nett geantwortet, dass sie nicht verreist.

Ihr Roman beschreibt Schriftsteller als „Diebe und Vampire“, eine nicht sehr schmeichelhafte Metapher. Empfinden Sie das wirklich so?

Dörrie: Naja, das ist dieser moralische Zwiespalt, in den man beim Schreiben gerät, aber auch beim Filmemachen, Dokumentarfilmdrehen. Und im Journalismus sowieso. Dass man Geschichten saugt, aus der Wirklichkeit nimmt, und damit das Objekt, das man beschreibt, vielleicht verletzt. Das ist ein sehr schmaler Grad. Und natürlich hat man als Schriftsteller eine deformation professionelle: dass man Dinge sieht, sich Details merkt und denkt, oh, das wäre super für eine Geschichte.

Hatten Sie je das Gefühl, jemanden verletzt zu haben?

Dörrie: Nein, beim Schreiben sicher nicht. Bei den Dokumentarfilmen stellt sich schon mal die Frage, wie lange schaut man hin, wann macht man die Kamera aus. Manchmal ist es aber auch so, dass man lange genug hinschauen muss, damit jemand sich vor der Kamera wieder erholen kann, seine Würde zurückerlangen kann.

Haben Sie den Eindruck, dass man das Schreiben lehren und lernen kann? Der Roman gibt da ja eine zwiespältige Antwort.

Dörrie: Ich bin sehr im Zweifel, ob man das Schreiben von Literatur lehren kann. Das Drehbuchschreiben hingegen kann man bis zu einem gewissen Grad vermitteln. Es gibt klare Regeln, wie etwas im Film am besten funktioniert. Was man nicht unterrichten kann, ist die Inspiration. Wie viel Passion jemand hat, wie viel Interesse an Geschichten und Figuren – darauf hat man keinen Einfluss.

Im Roman gibt es eine Art Mantra der Meisterin, es heißt: „Nicht heulen, schreiben.“ Ist das auch Ihres?

Dörrie: Schreiben lernt man nur durch Schreiben. Weitermachen ist eine wichtige Devise. Das hat mit Mut zu tun, und mit Ausdauer. Just do it! (dpa)

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