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Schauspiel Bochum holt Helden in den Alltag

10.10.2010 | 19:48 Uhr
Schauspiel Bochum holt Helden in den Alltag
„Medea“ am Schauspielhaus Bochum Foto: Thomas Aurin

Bochum. Das Bochumer Schauspiel will Weltexperimentiermaschine werden und holt die griechische Antike verstörend expressiv ins Heute.

Starke Zeiten sind angebrochen. Das Bochumer Schauspiel soll unter dem neuen Intendanten eine Weltexperimentiermaschine werden, hat er versprochen; und An­selm Weber hält Wort. Das zweite Eröffnungswochenende holt die Antike verstörend expressiv ins 21. Jahrhundert, mit Regisseuren, die den alten Texten voller Respekt begegnen und sie doch formen, nach unserem Leben, unseren Leiden. Was bleibt, ist der große tragische Satz: Ungeheures ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mensch.

Das Video wolkt Blut

Der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi inszeniert „Me­dea“ auf einer kahlen Bühne. Sie ist ganz grau, hohe Wände und ein paar Bänke. Und Tü­ren, eine größer als die andere. Durch sie fällt die Welt herein. Oben hängt ein Segel, auf dem fließt der Himmel und manchmal das Meer. Wenn Medea ihre Kinder umbringt, wolkt das Video Blut.

Schweigend sitzt das En­sem­ble an den Wänden, eine Frau spannt schwarzgelbes Flat­terband vor die Bühne, als sei sie ein gefährliches Gebiet, vor dem man die Zuschauer schützen muss. Zwei Männer hocken am Boden, sie zeichnen mit Kreide. Man hört Kinderweinen und erschrickt, zweieinhalb Jahrtausende nach Euripides. Weil Medea ihre Kinder getötet hat aus Rache am untreuen Vater. Weil Beamte die Umrisse der kleinen Leichen auf den Bo­den malen und der Vater fragt: Wohin ha­ben Sie sie gebracht? Und die Männer antworten: ins Leichenschauhaus.

Schwarz und still sitzen sie da, ein trügerischer Kontrast. Denn diese Medea ist eine türkische Putzfrau, sie ist mit dem Griechen Jason abgehauen, einem Betrüger. Für ihn hat sie ihren Vater bestohlen und den Bruder getötet, doch als sie schwanger wird, schreit Jason sie an: Du miese kleine Drecksau. Dann setzt er sie in Duisburg ab. Medea, allein in der Fremde, wendet sich ihrem Glauben zu, der ihr sonst nicht viel bedeutet hat, sie trägt jetzt ein Kopftuch. Und Jason angelt sich die Tochter des reichen Kreon: ein deutscher Geschäftsmann, großkotzig und rabiat.

Ja, das klingt klischeedumm, untief, aktualitätswütig. Tatsächlich ist es großartig: Weil Jaibi der Medea die Alltäglichkeit gibt, die sie schon immer hatte. Nicht als Königstochter und Zauberin, aber als rasende Frau in Schmerz und Liebe, in einer fremden, Angst machenden Welt. Damals Korinth, heute Marxloh.

Politische Familiensaga

Auch Roger Vontobel aktualisiert radikal. Er verschmilzt vier griechische Tragödien zu der politischen Familiensaga, die sie in der Mythologie wa­ren; aus „Ödipus“, „Sieben ge­gen Theben“, „Die Phöniker­innen“ und „Antigone“ werden „Die Labdakiden“ – er­zählt mit den Mitteln unserer Zeit. Die uralte Geschichte mutiert zur Vorabendserie, zum Kriegsfilm; aus glatter amerikanischer Hochglanz-Wirklichkeit ist Dreck, Entsetzen, Mord, Gier und Zusammenbruch geworden.

Hochfahrend machtbewusst: das ist König Ödipus. Er versinkt in jämmerlicher Verzweiflung, als er sein eigenes Verbrechen entdeckt – dass er das Schlimmste getan hat: den Vater getötet und die Mutter geheiratet. In zerstörerischer Wahrheitssuche hat er seine Identität ergründet, jetzt müssen alle mit ihm untergehen. Dabei war es ein Idyll; eine adrettblonde Mutter holte die vier Kinder vom Spielen rein, die Kennedys der Antike. Doch schon schreit das Volk: „Die Pest!“ und: „Hilf uns, König!“ Die Pest ist die Rache der Götter, weil der alte Herrscher tot ist und der Mörder lebt. Ödipus. Sie wissen es noch nicht, und er auch nicht, aber er trägt den Fluch und wird ihn vererben, weiter und immer weiter, bis alle tot sind. Am Ende hocken blutige Leichen auf der Bühne und Ismene, die knapp überlebt hat, sagt: Von dem, was ihm verhängt ist, wird kein Sterblicher befreit.

Der Fluch: Das ist die Macht. Davon erzählt Vontobel, sensibel, kühl, herausfordernd, böse. Plakativ. Das Le­ben war schön, bis aus Machtgier Krieg wurde; er findet hier im Fernsehen statt. In einer starken Szene sehen Kreon und Teiresias als gigantisches Video ins Publikum, als säßen sie vor dem Bildschirm und verfolgten den furchtbaren Bericht des Boten in der Tagesschau. Der Krieg sind wir.

Gudrun Norbisrath



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