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Satans Bericht

04.10.2007 | 00:00 Uhr

In seinem neuen Roman erzählt Norman Mailer die Geschichte von der Kindheit und Jugend Adolf Hitlers. Es ist ein lähmend ernstes Buch, das kein Klischee der Psychoanalyse auslässt und den Teufel zum Autor macht

"In keinem Korb wirst du eine Biene finden, die zu schwach ist zu arbeiten. Und zwar deshalb, weil sie frühzeitig die Krüppel entfernen", klärt Vater Alois den sechsjährigen Adi auf. Als dann nur eines seiner beiden Bienenvölker den Winter 1895 unbeschadet überlebt, greift Alois zum Schwefelriegel. "Er zündete ihn an und ließ ihn auf dem Boden des schlechten Korbes dampfen. Das Flugloch wurde verstopft, der Korbdeckel wieder aufgesetzt, und das Gas erledigte den Rest."

"Mir macht es nichts aus", kommentiert Klein-Adi die Aktion; nachts im Traum zählt und ordnet er tote Bienen. (Kein Wunder, dass aus Adi später Adolf wird.) Es ist kaum zu glauben - so schlichtpsychologisch kann man sich dem Thema Hitler doch nicht nähern. Aber die Passage steht da wirklich, und da nützt es nicht viel, wenn der Autor wenig später dazu auffordert, "nicht zu viel von der Vergasung und der Leichenzählung herzumachen. Das darf nicht als die einzige Ursache der künftigen Ereignisse missverstanden werden."

An dieser Stelle angelangt, hat man sich bereits durch 208 Seiten gekämpft, und der einzige Grund, "Das Schloss im Wald" über die Kinder- und Jugendzeit Adolf Hitlers nicht beiseite zu legen, ist der Name des Autors. Nach zehnjähriger Pause meldet sich Norman Mailer wieder zu Wort. Er ist noch immer eine literarische Institution, entsprechend viel ist zu lesen in diesen Tagen. Viel über Mailer und noch mehr von ihm selbst, in Interviews, die er während des Sommers gab.

Das Interview: probates Mittel im Rahmen von Vermeidungsstrategien. Ein lebenslanger Atheist, der im hohen Alter zum Glauben an einen Dualismus von Gott und Satan findet? Der sich zu einer abenteuerlichen Variante des Kreationismus versteigt? Ein US-Autor jüdischer Abstammung, der unbedingt die Entwicklung des Menschen Hitler verständlich aufzeigen will? Heikle Themen, zumal in Deutschland. Wer den Autor erzählen lässt und eigene Stellungnahmen vermeidet, ist auf der sicheren Seite.

Dabei besteht kein Grund zur Sorge. Wenn der Roman etwas nicht schafft, dann die Wiederbelebung Hitlerschen Gedankenguts. Keine Spur von "Vermenschlichung", von Rechtfertigung gar. Adi-Adolf wirkt unreal, ist nicht zu verstehen, scheint einem Panoptikum der Absurditäten entsprungen.

Erzählt wird die Geschichte rückblickend von "D. T.", einem Teufel im mittleren Höllen-Management, der das Schicksal der Familie Hiedler (Hitler) über Generationen bis zu Adolfs Zeugung und Heranwachsen verfolgt hat. Satans Agenten gegen die "Büttel" des Herrn, dazwischen ein Mensch als Spielball: Was hätte George Tabori aus solchem Stoff gemacht! Mailer, dessen präziser Realismus immer wieder durch einen verqueren Expressionismus verwässert wird, meint es lähmend ernst. Österreich im späten 19. Jahrhundert, das heißt für ihn: Religion und Sex. Inzest ist an der Tagesordnung, auch bei den Hitlers mit der Folge genetischer Defekte und eines verwirrenden Stammbaums. Adi ist im Roman Produkt der Unzucht zwischen Alois Hitler (ehemals Schicklgruber) und dessen Frau Klara Poelzl, die eigentlich Alois' Nichte und Tochter ist. Damit nicht genug: Beim Zeugungsakt hilft Satan persönlich mit, und auch das ist nicht satirisch gemeint.

Als Adi das Licht der Welt erblickt hat, kennt Mailer kein Halten mehr. Brust-Entzug, Ödypus-Komplex, Fäkalspiele, Geschwister-Hass, Ablehnung des Vaters, pädophile Erfahrungen, Komplexe wegen nur eines Hodens . . . Je besessener (und vorhersehbarer) der Autor zu erklären versucht, desto unglaubwürdiger wird diese Figur, an der aber auch jede Farbe der freudschen Palette ausprobiert wird: 250-prozentig kaputt ist einfach zu viel.

Gemildert wird die Qual der Lektüre gelegentlich durch "D. T.". Dessen lakonische Schilderungen des fast kollegialen Wettstreits zwischen Teufeln und "Bütteln", sein Erfahrungsbericht über einen Sondereinsatz bei der Krönung von Zar Nikolaus II. - das sind kleine Oasen der Erholung und des Nachdenkens. Für 460 Seiten ist das leider herzlich wenig.

Norman Mailer: Das Schloss im Wald. Langen Müller. 460 Seiten, 29,90 E

Von Wolfgang Platzeck

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