Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Literatur

Sascha Rehs Roman „Falscher Frühling“

12.11.2010 | 17:48 Uhr
Sascha Rehs Roman „Falscher Frühling“
Sascha Reh. Foto: Remo Bodo Tietz

Duisburg. Sascha Reh ist Duisburger. An der Ruhr wurde seine Literatur früh ausgezeichnet. Nun textet er von Berlin aus. Sein Roman „Falscher Frühling“ ist ein kritischer Blick auf Kunst und Leben

So viele Dramen zwischen Eltern und Kindern im Alltag, so viele Familientragödien auf der Bühne. Theaterfamilien aber haben das Zeug zu einem Maximum an Seelenverletzten auf allen Seiten, und jede ist auf ihre Weise unglücklich mit ihren Rollen. Lothar Lotman, Regisseur, ist so einer, dessen abgeknickter Karriereweg von Verwundeten gesäumt ist. Doch er ist zeitlebens zu sehr mit Lothar Lotman beschäftigt, um sich irritieren zu lassen – und jetzt noch dieser verdammte Krebs, Prostata. Amouren sind nurmehr Erinnerung. Wenigstens kann er noch unsägliche Fernseh-Talkshows über die 80er-Jahre sprengen. Aber den „Torquato Tasso“, das Künstlerdrama schlechthin, will keiner mehr mit ihm machen.

Der abgehalfterte Regietheater-Regisseur im Leerlauf, eine Bühnenbildnerin, mit der er seit Jahren nur noch einseitig glücklich verheiratet ist, und Franziska, die viel zu kluge Tochter der beiden: Mit dieser Konstellation spielt der in Duisburg geborene Neu-Berliner Sascha Reh Szenen vieler Ehen durch – und andere Unfälle, die der Liebe drohen.

Der Held, ein Berufszyniker

Der Berufszyniker Lotman antwortet auf die Frage „Und, bist du glücklich?“: „Nee, dazu hab ich zu wenig Geld“. Mit seinen Potenzproblemen macht er sich bei einer Ex-Geliebten lächerlich, aber mit einem kalkweißen Gesicht wird er erst am Ende dastehen, als der Airbag des BMWs ex­plodiert, mit dem er ins Schaufenster einer Tankstelle rast.

Dahinter schlürft, und das ist der einzige unglaubliche Zufall in diesem Buch – seine Tochter Franziska einen Morgenkaffee, sie hat die Nacht mit einem Ruben rumgebracht, der noch mehr über Spott und die Welt nachgedacht und abgehakt hat als sie. Ein seltsames Paar, von dem man beim Kennenlernen im HundertMeister, beim Ansteuern des Kult-Cafes Graefen nicht ahnen kann, dass sie in den Kulissen des Duisburger Theaters eine der intensivsten Passagen dieses Romans verbringen – mit zärtlich nachdenkenden Dialogen. Aber es bleibt nicht der einzige falsche Frühling in diesem Buch.

Dem Leben angeschmiegt

Dieser sehr kunstvoll, ja schön gebaute Roman ist überhaupt von einer ungeahnten Welthaltigkeit, sein philosophischer, dem Leben angeschmiegter Realismus dürfte gespeist sein vom Zweitberuf des Autors, der in Berlin als Familientherapeut arbeitet. Derlei Erfahrungen fließen vor allem in Philipp ein, mit dem die Bühnenbildnerin kurz vor ihrer Scheidung auf ihren ersten Ehebruch zusteuert. Das führt erst zu einem Düsseldorfer Exklusivitaliener und dann zu einer atemlosen Verrenkungs-Szene in einem steckengebliebenen Aufzug. Wie der Roman überhaupt zum Schluss noch einmal ordentlich auf die Tube drückt – bevor es dann in den doppelten Boden geht. Leben, Liebe und Theater sind hier nicht gespiegelt, sondern ebenso gründlich wie spielerisch reflektiert.

  • Sascha Reh (36), der Geschichte, Philosophie und Germanistik in Bochum und in Wien studiert hat, lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Er wurde für seine Erzählungen „Tief stehen“ und „Das System Schablonski“ gleich zweimal mit dem Förderpreis zum Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet. Er liest am Donnerstag, 9. Dezember, in seiner Heimatstadt Duisburg an einem der Schauplätze seines Romans: in der Kulturzentrale HundertMeister (Dellplatz 16a), 20 Uhr.

Jens Dirksen


Kommentare
Aus dem Ressort
"Dschungelbuch"-Remake mit Johansson und Nyong'o geplant
Filmklassiker
Der Filmklassiker "Das Dschungelbuch" soll in Hollywood als Mischung aus Zeichentrick- und Live-Action-Spielfilm neu verfilmt werden. Als Stimmen sind unter anderem die Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong'o und Scarlett Johansson im Gespräch. Der Film soll im Herbst 2015 in die Kinos kommen.
Nachwuchs fehlt - Azubi-Mangel im Varieté-Theater in Essen
Ausbildung
Das Varieté-Theater GOP in Essen würde gern zwei Restaurantfachkräfte ausbilden, doch es fehlen auch dieses Jahr wieder geeignete Bewerber. Schon im vergangenen Jahr blieben zwei Lehrstellen unbesetzt. Das GOP dürfte kein Einzelfall sein. Gerade die Gastronomie ist bei Jugendlichen unbeliebt.
Neuer Sender "Planet Radio NRW" soll junge Hörer erreichen
Radio
Der hessische Radiosender FFH will sein Sendegebiet vergrößern. Das Unternehmen plant, mit "Planet Radio NRW" ein neues Programm für junge Hörer zu etablieren. Sitz des neuen Senders könnte in Essen sein. Nach und nach könnte der Empfang aufs gesamte Bundesland ausgedehnt werden.
Heino zeigt Jan Delay wegen Nazi-Beschimpfung an
Heino
Der Deutschrapper Jan Delay hat den Musiker Heino in einem Interview als "Nazi" beschimpft. Ihm habe der Hype um den Volksmusiker, als dieser Rammstein-Songs neu interpretiert hat, überhaupt nicht gefallen. Damals habe er geschwiegen, um Heino nicht noch ein größeres Forum zu geben.
Andere Länder, andere Tritte - Buch über Fußballkultur
WM 2014
Fußball kennt keine Grenzen, heißt es oft, doch das stimmt nicht ganz: Kulturelle Grenzen kennt die beliebte Ballsportart sehr wohl. Autor Horst Evers stellt passend vor der Weltmeisterschaft in Brasilien die Besonderheiten der teilnehmenden Nationen vor.
Umfrage
Schalke-Boss Clemens Tönnies hat einen Besuch der Mannschaft im Kreml in Aussicht gestellt. Wie sehen Sie das: Darf Schalke öffentlichkeitswirksam Herrn Putin besuchen?

Schalke-Boss Clemens Tönnies hat einen Besuch der Mannschaft im Kreml in Aussicht gestellt. Wie sehen Sie das: Darf Schalke öffentlichkeitswirksam Herrn Putin besuchen?

 
Fotos und Videos