Das aktuelle Wetter NRW 24°C
Bühne

Sartres „Troerinnen“ in Köln - das Klagen der Weiber von Troja

15.01.2013 | 18:34 Uhr
Sartres „Troerinnen“ in Köln - das Klagen der Weiber von Troja
Auf schmutziger Lava-Erde: Julia Wieninger als ehemalige Troja-Königin Hekuba.Foto: Klaus Lefebvre

Köln.   Karin Beier hat als Intendantin dem Kölner Schauspiel Jahren nur Ruhm gebracht. Mehrfach wurde es von den Kritikern zur besten Bühne der Republik gewählt. „Die Troerinnen des Euripides“ von Jean-Paul Sartre ist Beiers Abschiedsinszenierung vor dem Wechsel nach Hamburg.

„Fort ziehen die Götter, wenn sie kein Opfer, kein Gebet mehr sucht“, verzweifelt der Meeresgott Poseidon (Robert Dölle). Noch steht er da, in wallende Gewänder gekleidet, mit Bart und Dreizack, aber bald schon ist er nur noch ein kahler Hanswurst in Unterhosen. Im fahlen Licht der Bühne ist Götterdämmerung angesagt: Nach zehn Jahren ist endlich der Trojanische Krieg beendet, und Poseidon war nun mal nicht auf Seiten der siegreichen Griechen.

Sein Auftritt ist so etwas wie die resigniert klingende Ouvertüre zu Karin Beiers Inszenierung von Jean-Paul Sartres Bearbeitung der „Troerinnen des Euripides“, in der es weniger um enttäuschte Götter geht als mehr um die verzweifelte n Frauen von Troja. Die scheidende Kölner Intendantin hat ganz offensichtlich ein Faible für das Archaische, für große mythische Themen, was sie wiederholt mit starken Inszenierungen deutlich gemacht hat. Die „Troerinnen“ nun sind ihr Abgesang auf die Jahre in Köln, bald wirkt sie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Als Sklavinnen verlost

Nun also noch einmal die Antike in ihrer schrecklichsten Form. Von Troja übrig geblieben sind allein die Frauen, die nun unter den Siegern als Sklavinnen und Bettgefährtinnen verlost werden. Wie Schattenwesen wirken sie dank der teilweise spärlichen Lichtsetzung. Letzte intime Momente gönnt man ihnen, bevor es auf die Schiffe geht. Die Frauen nutzen sie auf einer Spielfläche aus dunkler Lavaerde (Bühne: Thomas Dreissigacker) mal zu Klagegesängen, machtvoll unterstützt von gleich drei Frauenchören, mal aber auch zur Abrechnung unter sich und mit den verhassten Griechen. Was wir sehen, ist oft mehr Zeremonie denn Handlung, mehr Oratorium denn Charakterstudie.

Schon Sartre hatte Euripides politisch unterfüttert, er wollte am Beispiel der Griechen den kolonialen Imperialismus eines Europa anprangern, das gegen Troja nicht einer untreuen Frau wegen kämpfte, sondern darum, den Weg nach Asien frei zu machen. Beier hat das alles noch mit Texten von Beckett über Nietzsche bis Pasolini angereichert und lässt die überlebende Königin Hekuba (Julia Wieninger), den Siegern diese bittere Wahrheit ins Gesicht schleudern.

Es zerreißt ihr fast das Herz

Wer es emotionaler braucht, der findet das bei Lina Beckmann als Andromache. Der zerreißt es fast das Herz, dass die Sieger ihr nach all dem Schlachten nun auch noch das Baby töten, aus Angst, es könne ihnen aus diesem Bündel dereinst ein Feind erwachsen. Neben dieser starken Figur, die Flucht schließlich in Ohnmacht sucht, wirkt der lässige Auftritt von Menelaos (York Dippe) eher bizarr. Er will das Publikum in Show-Manier darüber entscheiden lassen, ob er die untreue Helena (Angelika Richter) gleich hier vor Ort oder später in Griechenland töten lassen soll. Solch Groteske jedoch wirkt im dunklen Reich von Furcht und Elend wie ein Fehlgriff. Der einzige.

Arnold Hohmann


Kommentare
Aus dem Ressort
Salzburgs „Don Giovanni“ jagt im Hotel den Röcken nach
Salzburger Festspiele
Ein Macho-Mannsbild wie aus dem Bilderbuch. Salzburgs neuer „Don Giovanni“ hat einen Titelhelden, der sich sehen lassen kann. ldebrando d’Arcangelo ist ein Womanizer wie aus dem Bilderbuch. Doch nach temporeichem Start ist die Neuinszenierung szenisch und musikalisch nicht bis zum Ende überzeugend.
Tomorrowland 2015 - das ist mit dem Festival geplant
Tomorrowland
Das zehnjährige Tomorrowland-Jubiläum war für den Veranstalter ID&T ein großer Erfolg. Die Ausweitung des Festivals auf zwei Wochenenden hat sich mit dem Verkauf von 360.000 Tickets binnen einer Stunde bewährt. Und so geht es mit Tomorrowland 2015 weiter:
"Das Gewehr" gefällt - Kurzfilm entstand im Wald bei Zinse
Film
„Große Bären-Jagd am Zinsebach“. Das war die Schlagzeile im Sommer 2013 für ein außergewöhnliches Filmprojekt. Mitten im Wald bei Erndtebrück drehen Kölner Film-Studenten den Kurzstreifen „Das Gewehr“. Es ist ihre Abschlussarbeit. Ein Jahr später wollen wir wissen: Wen hat der Film erreicht?
Die Beatles kommen zurück nach Hamburg
Musical
Der Karrierestart der Beatles in Hamburg wurde schon oft erzählt. Das Musical "Backbeat", das jetzt in Hamburg Premiere feierte, wählt eine andere Perspektive und stellt die Beziehung zwischen dem "fünften Beatle" Stuart Sutcliffe und der Fotografin Astrid Kirchherr in den Fokus.
Keltic-Festival am Schloss Hohenlimburg wird fortgesetzt
Keltic-Festival
Das Keltic-Festival in Hohenlimburg hat bereits Kultstatus-Charakter in der Musikszene, was nicht zuletzt dem engagierten Organisator Rick Field zu verdanken ist. Im Interview mit zieht er Bilanz, verrät Details für das kommende Festival im Mai 2015 und spricht über den „Community Spirit“.
Umfrage
Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

 
Fotos und Videos