Das aktuelle Wetter NRW 23°C
Volker Pispers

Salto wortale

05.05.2008 | 14:38 Uhr
Salto wortale

Er ist so was wie die hochgezogene Augenbraue der Republik: Volker Pispers gilt mit Recht als einer der intelligentesten Spötter des Landes. Jetzt hat der 50-Jährige sein Herz fürs fahrende Volk entdeckt.

Im Rahmen der „1. Essener Circus-Gala” (23.5.) spielt er sein Programm „Bis neulich” für das „Bildungsnetz Circusschule”, das Wohnmobile zu fahrbaren Klassenzimmern umbaut. Die Einrichtung der Ev. Kirche im Rheinland – eine staatlich genehmigte private Ersatzschule – setzt sich für die berufliche Qualifizierung der rund 1200 Mädchen und Jungen aus reisenden Zirkussen in Deutschland ein. Frank Grieger sprach mit dem Kabarettisten.

Lieber Herr Pispers, politisches Kabarett erinnert mich heute oft an Animation in einem Pflegeheim: Alte Männer machen Scherze vor einem ebenso betagten Publikum. Fühlen Sie sich als letzte Bastion einer bedrohten Kunstform – so eine Art Dino kurz vor dem Meteoriteneinschlag?

Pispers (lacht ironisch): Wissen Sie, ich gebe eigentlich seit Jahren keine Interviews mehr. Und zwar genau wegen solcher Fragen, entschuldigen Sie.

Keine Ursache. Was genau erregt daran Ihr Missfallen?

Info
Der Wortakrobat

Volker Pispers, geboren 1958 in Mönchengladbach-Rheydt, studierte Anglistik, Pädagogik und Katholische Theologie. 1979 arbeitete er für ein Jahr als Assistant Teacher in England, wo er nach eigenen Angaben seine Vorliebe für den schwarzen Humor entdeckte. Sein erstes Solo hieß 1983 „Kabarette sich, wer kann”. Er wurde mit vielen Preisen gekürt: Darunter der „Mindener Stichling” (1996), das „Memmin-ger Maul” (1998), die „Bocholter Peperoni” (2004) und der Deutsche Kabarettpreis (2005). Ein Zitat: „Die Steuern sind zu hoch? Ein Land, in dem die Bevölkerung noch Geld hat, um Bücher von Dieter Bohlen zu kaufen – da können die Steuern doch gar nicht hoch genug sein!” Pispers' Gastspiele sind meist lange im Voraus ausverkauft.

Pispers: Dieter Hildebrandt hat mal gesagt: Das politische Kabarett wird von Leuten wie Ihnen seit 50 Jahren alle drei Jahre totgeschrieben. Es ist ein Feuilleton-Phänomen, dass das politische Kabarett angeblich immer kurz vor dem Ende steht! Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Dann lassen wir's doch – und reden über die Essener Gala. Wie kam es zu Ihrem Engagement für die „Circusschule”? Als prominenter Künstler bekommt man doch sicher haufenweise Anfragen…

Pispers: Genau, ja. Benefizauftritte mache ich ein paar im Jahr – mal für Obdachlose, mal für Suchtkranke, also solche, die nicht so eine große Lobby haben. Kinder sind mir aber ein besonderes Anliegen. Das Mädchenhaus in Düsseldorf zum Beispiel unterstütze ich seit vielen Jahren. Für die Zirkuskinder habe ich vor zwei, drei Jahren schon mal etwas gemacht – damals in Hürth bei Köln.

Und das Projekt scheint Sie ja überzeugt zu haben...

Pispers: Ich finde die Idee der mobilen Schule super. Und da wir offenbar nicht in der Lage sind, so was aus Steuergeldern zu bezahlen – die brauchen wir ja, um die Spielereien der WestLB zu finanzieren –, müssen wir uns eben auf diese Art engagieren.

Haben Sie eine besondere Affinität zum Zirkus?

Pispers: Ich habe jahrelang im Varieté moderiert und viele Artisten kennen und bewundern gelernt. Die müssen ihre Leistung bringen. Anders als Schauspieler, die sagen können: Ach, ich bin heute nicht gut drauf … Entweder ein Trick klappt – oder nicht. Die können sich nicht verstecken.

Können Sie über Clowns lachen?

Pispers: Klar! Auch über Slapstick. Hauptsache, es ist gut gemacht.

„Bis neulich”, das Sie bei der Circusgala spielen, ist eine Art „Best of” aus 25 Jahren. Damit sind Sie seit 2002 unterwegs – aber schreiben es ständig fort.

Pispers: Das Grundgerüst bleibt gleich – wie ja auch bestimmte Grundproblematiken, deshalb kann ich auch Texte spielen, die 16, 17 Jahre alt sind. Aber es gibt eben immer aktuelle Entwicklungen. Ich habe dann einfach gesagt: Ich bleibe bei dem Titel. Wenn die Leute nach einem Jahr wiederkommen, dann wissen sie: Da ist trotzdem immer etwas Neues drin.

Sie haben mal gesagt: „Ich habe 16 Jahre Kabarett gegen Helmut Kohl gemacht – und zur Belohnung den Schröder bekommen.” Wer ist denn Ihr aktueller Lieblingsfeind?

Info
Termine

1. Essener Circusgala: am 23.5. im Zelt auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. Ab 18 Uhr Darbietungen der Nachwuchs-Artisten und Infos von Annette Schwer (Schule für Circuskinder); ca. 20-22 Uhr Volker Pispers mit „Bis neulich”. Karten (27,50-46€):  0201/8122200. www.essener-circusgala.de

Für diese Auftritte gab es (neben der Circusgala) bei Red.-Schluss noch Karten: 22.8., Freilicht-bühne Wattenscheid (21,50 €); 2.9. Theater am Marientor Duisburg (16,10-28,20€); 3.12. Maximilianpark Hamm (15,60-22,60€); 5.12. Theater Marl (17,30-26,10€); 12.12. Halle Münsterland  (18,90-25,50€). Karten in unseren TICKET-SHOPs,  01805/280123.

Pispers: Wenn Kabarett überhaupt eine Funktion hat, dann ist es die eines Sprachrohrs der Ohnmächtigen – also derer, die keine Macht haben. Da geht es natürlich vor allem gegen die aktuelle Regierung.

Ihr Markenzeichen ist der schnelle Wechsel zwischen beißendem Sarkasmus und dieser charmant-sympathischen Art. Ist das ein Stil, den Sie für die Bühne entwickelt haben? Oder steckt da viel vom Privatmenschen Pispers drin?

Pispers: Ich habe keinen Stil für die Bühne. Ich bin nicht so geworden, weil ich Kabarett mache – sondern ich mache Kabarett, weil ich so bin.

Frank Grieger

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1507215/create

Aktuelle Fotos und Videos
Schweden gewinnt ESC
Bildgalerie
Fotostrecke
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haft wegen Tweet
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.