Rusalka: Ein Experiment in der Wanne

Essen..  Eine Bühne voller Badewannen. Statt des romantischen Silbermondes wölbt sich das schimmernde Rund einer OP-Lampe über der Szene, während Rusalka ihr berühmtes Lied an den Mond singt. Bei Regisseurin Lotte de Beer wird die Opernbühne zum Seziertisch.

Das naturalistische Märchen von der Wassernixe, die aus Liebe zu einem Menschen-Mann ihre eigene Natur aufgibt und das Erlangen einer menschlichen Gestalt mit dem Verlust ihrer Stimme bezahlt, mutiert bei dieser letzten Saison-Premiere am Aalto-Theater zu einer vielschichtigen Initiations- und Triebgeschichte.

Während des Vorspiels der unter Tomáš Netopil glutvoll und farbenreich agierenden Essener Philharmoniker deutet sich an, wohin Rusalkas Reise führt. Eltern übergeben ein offensichtlich widerspenstiges Mädchen einer Heilanstalt. Dr. Freuds berühmtes Arbeitszimmer mit Schreibtisch und teppichbehängter Couch wird so zum Ausgangspunkt einer Traumreise, die zwar Unterbewusstes aufscheinen lässt, im Grunde aber Machtmechanismen vor allem in Form männlicher Fantasien und deren Durchsetzung in nicht immer neuen, aber packenden Bildern zeigt.

Statt Nixe ein Nymphchen. Statt eines Fischschwanzes zerschneidet die Hexe, die wie die Mutter aus der Eingangsszene daherkommt, ein bodenlanges Korsett, in dem Rusalka wie gefangen in der Wanne liegt. Wasserkur, Triebentladung, Hysterie: Rusalkas Schrei bleibt nun stumm, dafür kann sie die Beine spreizen, menschlich lieben, wenn Er will oder nicht. Denn der Prinz erweist sich als wankelmütig, kann mit der Stummen nichts anfangen, versteht sie buchstäblich nicht – und vergnügt sich mit der schönen Fürstin. De Beer erzählt nicht nur stringent, auf mehreren Ebenen zwischen Traum, Wirklichkeit, Verletzlichkeit. Freuds Ausspruch „Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben“ zieht sich durch diese Geschichte.