Ruhrfestspiele: Schneeballschlacht mit Hedda
14.05.2009 | 00:01 Uhr 2009-05-14T00:01:00+0200
Recklinghausen. Wenn sich eine stolze Offizierstochter zurück entwickelt zu einem lustlosen Girlie, das sich endlos im Unterrock auf einem grünen Sofa räkelt, dann ist das die Ibsen-Premiere von "Hedda Gabler" bei den Ruhrfestspielen.
Es gibt Metaphern, die zeugen von schöner Ironie. Wenn etwa Hitchcock einen Zug zeigt, der in einen Tunnel einfährt und alle genau wissen, dass Cary Grant und Eva Marie Saint jetzt Sex haben. Und es gibt Metaphern, die einfach nur platt sind. Häuft man bei Henrik Ibsens „Hedda Gabler” gewaltige Massen von Schnee auf die Bühne, dann ist das viel Aufwand für eine simple Aussage: Hier geht's gleich um zwischenmenschliche Kälte, hier erleben Gefühle ihre Eiszeit.
Man könnte versuchen, solche Seelenzustände auch durch eine Inszenierung deutlich zu machen. Doch davon ist Alice Buddebergs Einrichtung, die jetzt ihre Premiere bei den Ruhrfestspielen erlebte, weit entfernt. Bei ihr hat die stolze Offizierstochter Hedda Gabler sich zurück entwickelt zu einem lustlosen Girlie, das sich endlos im Unterrock auf einem grünen Sofa räkelt, dem einzigen Stück Inventar weit und breit. So weit also ist es mit dieser Figur gekommen: Keine Frau mehr, die an der Seite eines ungeliebten Mannes ein Leben ohne erkennbare Perspektive in die Verzweiflung treibt, sondern ein dumpfes Wesen mit einer Langeweile hier und jetzt, als ob die Glotze defekt ist und die Energie fehlt, ein Buch zu lesen.
Constanze Becker spielt diese Zurichtung der Rolle trotz allem mit Grandezza. Sie war für die Theaterkritiker die „Schauspielerin des Jahres 2008”, was man auch dann noch merkt, wenn sie einen durch Gekicher, ständiges Herumzupfen an der Kleidung und aufreizendes Getue mit der Zeit zunehmend nervt. Selbst bei undankbaren Aufgaben bleibt sie das Zentrum der Bühne. Wann hätte man sonst schon einmal eine Hedda gesehen, die sich mit gespreizten Beinen dem Amtsgerichtsrat Brack anbietet und eine Dreiecksbeziehung mit ihm mehr als nur andeutet.
Einfältiger Ehemann
Da ist ja auch sonst keiner, der ihr Konkurrenz machen könnte. Isaak Dentler muss als einfältiger Ehemann Tesmann kindisches Gehabe an den Tag legen, muss sich über die Gattin wie über ein neues Spielzeug freuen. Bettina Hoppes unglücklich verliebte Frau Elvsted trägt die seelische Verhärmtheit wie eine Flagge vor sich her, Thomas Hubers Brack ist hauptsächlich nur anwesend. Ein paar Akzente kann allein noch Sébastien Jacobi als Heddas Ex-Liebhaber Lövborg setzen, bevor er sich buchstäblich zum Affen machen muss: Seinen Suizidversuch übersetzt Buddeberg mit unermüdlichen Klimmzügen an einer der Wärmelampen samt anschließenden Abstürzen in den Schnee.
Überhaupt wird der Schnee gut genutzt. Es gibt Schneeballschlachten, man balgt sich lustvoll und hat einen Grund, andauernd auszurutschen. Nur gut 80 Minuten währt diese Ibsen-Verknappung, an deren Ende auch Hedda keine Lust mehr hat, dem Dichter zu gehorchen und den Freitod zu suchen. In Frankfurt jedenfalls besteht kein Grund zur Vorfreude: Dort soll diese wenig ergiebige Inszenierung im Oktober eine der Eröffnungspremieren des neuen Intendanten Oliver Reese sein.
Termine von "Hedda Gabler": 14., 15. Mai. Karten: 02361 / 92180
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