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Kulturpolitik

Ruhr-Städte streiten über Industriekultur und Großdenkmäler

16.09.2012 | 18:33 Uhr
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Ruhr-Städte streiten über Industriekultur und Großdenkmäler
Triennale-Intendant Heiner Goebbels bei der 1. Kulturkonferenz Ruhr auf der Zeche Zollverein in Essen.Foto: Frebel/RVR

Essen.   Um die Bedeutung der Groß-Denkmäler im Revier wurde auf der 1. Kulturkonferenz Ruhr in Essen debattiert. Der Dortmunder Kulturdezernent Stüdemann fordert, mit Blick auf den Ringlokschuppen in Mülheim, ein „Performing Arts Center Ruhr“ für neue Theaterformen.

Die Kulturhauptstadt hat vor allem das Ego des Ruhrgebiets gestreichelt. Doch die Wirkung der großen Party scheint nachzulassen. NRW-Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) fand es jedenfalls am Samstag geboten, das Revier dazu aufzufordern, „nicht hinter das Selbstbewusstsein von 2010“ wieder zurückzufallen. Schäfer sprach vor über 450 Vertretern der Kulturszene, -politik und -wirtschaft, die sich am Wochenende bei der ersten „Kulturkonferenz Ruhr“ auf der Essener Zeche Zollverein Gedanken über die kulturelle Zukunft des Reviers machten.

4,8 Millionen Euro zusätzlich

Von den neu entstandenen Netzwerken war da die Rede, zwischen den Ruhrkunstmusseen etwa oder den Sängern und Chören des Days of Song, und dass man sie pflegen müsse. Es ging aber auch darum, was aus den 4,8 Millionen Euro werden soll, die das Land und der Regionalverband Ruhr nun Jahr für Jahr zusätzlich für stadtübergreifende Kultur-Projekte zur Verfügung stellen. Dabei ist ein Großteil des Geldes fürs Erste schon verteilt: rund 3 Millionen Euro für die „Urbanen Künste Ruhr“, die augen- und sinnfällige Projekte nach Art der „Schachtzeichen“ (unter anderem für die „Emscherkunst“) ins Revier stellen sollen; 800 000 Euro für Events der Ruhr Tourismus GmbH nach Art der „Extraschicht“ sowie 300 000 Euro für die Kreativwirtschaftsförderung.

Als Zielvorgabe ruft der Regionalverband Ruhr, der die 53 Städte, Kreise und Gemeinden des Reviers bündelt, seit der Kulturkonferenz die „Metropole Ruhr 2020“ aus – ein eher noch diffuses Konzept, in dem Revier-Städte, -Wirtschaft, -Wissenschaft und -Kultur zusammenwirken sollen. Erstmals dann in dem für 2014 geplanten Programm zum Thema „StadtKlima“.

Kommentar
Bücher, die die Welt nicht braucht

Pius Knüsel scheint zu den Autoren zu gehören, deren Bücher die Welt nicht braucht. Für seine Polemik „Der Kulturinfarkt“ hatten Knüsel und seine drei Mit-Autoren im Frühjahr fast so gekonnt die Werbewelle gemacht wie derzeit die Buchautorin Bettina Wulff. Doch ausgerechnet „Der Kulturinfarkt“ ist eines jener Bücher, das viel beredet wird, aber wenig gelesen und noch viel weniger gekauft. So beklagte es Pius Knüsel am Samstag auf der Kulturkonferenz Ruhr. Das wäre nicht weiter tragisch, hätte Knüsel in seinem Buch nicht ausgerechnet dafür plädiert, die staatlich geförderte Kultur stärker an den Bedürfnissen des Marktes auszurichten. In einer solchen Knüsel-Kultur hätte das Knüsel-Buch wohl keine Chance. Zum Glück ist der Autor als Direktor der Kulturstiftung „Pro Helvetia“ ja Teil eben jenes Systems, dessen Halbierung der „Kulturinfarkt“ vorschlug; als solcher kann Knüsel sogar Gedanken publizieren, die sich vor lauter Marktkonformität nicht gut verkaufen.

Dabei hatte zum Auftakt der Konferenz Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ und Mitautor der Polemik „Der Kulturinfarkt“, deutlich kritisiert, nach der Internationalen Bauausstellung Emscher Park und der Kulturhauptstadt 2010 ein weiteres Zehn-Jahres-Großprojekt in Angriff zu nehmen: Der dauernde „Ausnahmezustand wirkt nur noch ermüdend und wird ineffizient,“ es entwickele sich damit eher „ein verstärktes Gefühl von Problemzone“. Das Kulturhauptstadt-Jahr habe „wenig zurückgelassen, wie in anderen Kulturhauptstädten auch;“ statt in Autobahnverschönerung und Institutionenpflege solle man nun lieber in Privatinitiativen und Vereine investieren. Zudem forderte Knüsel, 50 Prozent der Industriekultur-Denkmäler zu privatisieren: „Wozu diese gigantische Erinnerungskultur, warum so viel davon?“

Dem schloss sich der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann nahtlos an: „Das Design der Industriekultur ist dringend überholungsbedürftig“, man könne sich nicht andauernd mit „Erinnerungsübungen“ in Gebäuden beschäftigen, „die dafür viel zu groß sind.“ Axel Biermann von der Ruhr Tourismus GmbH wies allerdings darauf hin, dass die Industriekultur das Alleinstellungsmerkmal der Region sei, das auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen müsse. Sonst seien die Anstrengungen der Kulturhauptstadt tatsächlich vergebens gewesen.

Theaterhaus Ruhr

Jörg Stüdemann drängte, durchaus mit Blick auf den Mülheimer Ringlokschuppen, darauf, im Ruhrgebiet ein Haus für neue, innovative Theaterformen und -produktionen einzurichten, ein „Performing Arts Center Ruhr“ oder ein „Theaterhaus Ruhr“, nach Vorbild des „Hebbel am Ufer“ in Berlin. Freilich ohne in Erwägung zu ziehen, dafür ein anderes Theater im Ruhrgebiet zu schließen.

Kulturpolitik
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Das wiederum hatte Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels für denkbar erklärt, der beklagte, dass im herkömmlichen Stadttheater der Künstler zum Diener des Apparats werde, statt dass der Apparat dem Künstler diene. Das wiederum konterte der Oberhausener Theaterintendant Peter Carp mit dem Hinweis auf den Erfolg des Regisseurs Herbert Fritsch, der erst durch seine Arbeit am Oberhausener Theater möglich geworden sei.

Jens Dirksen

Kommentare
17.09.2012
23:24
Ruhr-Städte streiten über Industriekultur und Großdenkmäler
von Sarein_1 | #2

Der Dortmunder Herr Stüdemann schlägt vor, das Konzept des Theaters HAU in Berlin als Performance Zentrum vom Ringlokschuppen Mülheim in Bochum zu realisieren. Klasse. Und bei Ihnen in Dortmund? Ein neues U?
Schauen sich erstmal das vorgeschlagene und bestimmt nicht auf das Ruhrgebiet übertragbare Konzept des HAU an, bevor Sie ein "Wir auch " Konzept aus der Retorte kopieren wollen. Davon sprcith jeder zweite Dezernent. Suchen Sie nach einer Ruhrgebietsspezifischen Lösung, - natürlich hier: neues Stadttheaterkonzept - und vor allen Dingen schlagen Sie doch einfach etwas vor, was auch SIE realisieren können. Seien Sie mutig Herr Dezernent und handeln Sie, statt anderen alte Kamellen anzu drehen!

17.09.2012
15:03
Ruhr-Städte streiten über Industriekultur und Großdenkmäler
von Brecht | #1

Natürlich muss nicht jeder Förderturm unter Denkmalschutz gestellt werden. Aber wichtige Landmarken als sog. Schachtzeichen müssen unbedingt erhalten bleiben. Denn das Ruhrgebiet hat nichts Anderes. Was uns als "ewiger rückwärtsgerichteter Blick" nerven mag, interessiert Besucher, die sich nicht vorstellen können, dass es hier ein dichtes Netz von Schächten und Streben unter Tage zur Kohlenförderung und großflächige Industriewerke über Tage gab. Nachdem unsere Nachkriegsarchitektur mehr als dürftig ist und wir nur wenige vorzeigbare architektonische Highlights vorweisen können, bleibt also nur unsere industrielle Vergangenheit, die Besucher anlockt.
Neuschwanstein, der Kölner Dom und die Reeperbahn stehen woanders.
Und kreative Menschen, auf die das Ruhrgebiet baut, findet man überall auf der Welt.

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