Ruhr-Städte streiten über Industriekultur und Großdenkmäler

Triennale-Intendant Heiner Goebbels bei der 1. Kulturkonferenz Ruhr auf der Zeche Zollverein in Essen.
Triennale-Intendant Heiner Goebbels bei der 1. Kulturkonferenz Ruhr auf der Zeche Zollverein in Essen.
Foto: Frebel/RVR
Was wir bereits wissen
Um die Bedeutung der Groß-Denkmäler im Revier wurde auf der 1. Kulturkonferenz Ruhr in Essen debattiert. Der Dortmunder Kulturdezernent Stüdemann fordert, mit Blick auf den Ringlokschuppen in Mülheim, ein „Performing Arts Center Ruhr“ für neue Theaterformen.

Essen.. Die Kulturhauptstadt hat vor allem das Ego des Ruhrgebiets gestreichelt. Doch die Wirkung der großen Party scheint nachzulassen. NRW-Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) fand es jedenfalls am Samstag geboten, das Revier dazu aufzufordern, „nicht hinter das Selbstbewusstsein von 2010“ wieder zurückzufallen. Schäfer sprach vor über 450 Vertretern der Kulturszene, -politik und -wirtschaft, die sich am Wochenende bei der ersten „Kulturkonferenz Ruhr“ auf der Essener Zeche Zollverein Gedanken über die kulturelle Zukunft des Reviers machten.

4,8 Millionen Euro zusätzlich

Von den neu entstandenen Netzwerken war da die Rede, zwischen den Ruhrkunstmusseen etwa oder den Sängern und Chören des Days of Song, und dass man sie pflegen müsse. Es ging aber auch darum, was aus den 4,8 Millionen Euro werden soll, die das Land und der Regionalverband Ruhr nun Jahr für Jahr zusätzlich für stadtübergreifende Kultur-Projekte zur Verfügung stellen. Dabei ist ein Großteil des Geldes fürs Erste schon verteilt: rund 3 Millionen Euro für die „Urbanen Künste Ruhr“, die augen- und sinnfällige Projekte nach Art der „Schachtzeichen“ (unter anderem für die „Emscherkunst“) ins Revier stellen sollen; 800 000 Euro für Events der Ruhr Tourismus GmbH nach Art der „Extraschicht“ sowie 300 000 Euro für die Kreativwirtschaftsförderung.

Als Zielvorgabe ruft der Regionalverband Ruhr, der die 53 Städte, Kreise und Gemeinden des Reviers bündelt, seit der Kulturkonferenz die „Metropole Ruhr 2020“ aus – ein eher noch diffuses Konzept, in dem Revier-Städte, -Wirtschaft, -Wissenschaft und -Kultur zusammenwirken sollen. Erstmals dann in dem für 2014 geplanten Programm zum Thema „StadtKlima“.

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Dabei hatte zum Auftakt der Konferenz Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ und Mitautor der Polemik „Der Kulturinfarkt“, deutlich kritisiert, nach der Internationalen Bauausstellung Emscher Park und der Kulturhauptstadt 2010 ein weiteres Zehn-Jahres-Großprojekt in Angriff zu nehmen: Der dauernde „Ausnahmezustand wirkt nur noch ermüdend und wird ineffizient,“ es entwickele sich damit eher „ein verstärktes Gefühl von Problemzone“. Das Kulturhauptstadt-Jahr habe „wenig zurückgelassen, wie in anderen Kulturhauptstädten auch;“ statt in Autobahnverschönerung und Institutionenpflege solle man nun lieber in Privatinitiativen und Vereine investieren. Zudem forderte Knüsel, 50 Prozent der Industriekultur-Denkmäler zu privatisieren: „Wozu diese gigantische Erinnerungskultur, warum so viel davon?“

Dem schloss sich der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann nahtlos an: „Das Design der Industriekultur ist dringend überholungsbedürftig“, man könne sich nicht andauernd mit „Erinnerungsübungen“ in Gebäuden beschäftigen, „die dafür viel zu groß sind.“ Axel Biermann von der Ruhr Tourismus GmbH wies allerdings darauf hin, dass die Industriekultur das Alleinstellungsmerkmal der Region sei, das auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen müsse. Sonst seien die Anstrengungen der Kulturhauptstadt tatsächlich vergebens gewesen.

Theaterhaus Ruhr

Jörg Stüdemann drängte, durchaus mit Blick auf den Mülheimer Ringlokschuppen, darauf, im Ruhrgebiet ein Haus für neue, innovative Theaterformen und -produktionen einzurichten, ein „Performing Arts Center Ruhr“ oder ein „Theaterhaus Ruhr“, nach Vorbild des „Hebbel am Ufer“ in Berlin. Freilich ohne in Erwägung zu ziehen, dafür ein anderes Theater im Ruhrgebiet zu schließen.

Kulturpolitik Das wiederum hatte Ruhrtriennale-Intendant Heiner Goebbels für denkbar erklärt, der beklagte, dass im herkömmlichen Stadttheater der Künstler zum Diener des Apparats werde, statt dass der Apparat dem Künstler diene. Das wiederum konterte der Oberhausener Theaterintendant Peter Carp mit dem Hinweis auf den Erfolg des Regisseurs Herbert Fritsch, der erst durch seine Arbeit am Oberhausener Theater möglich geworden sei.