Ruhr.2010 zieht Zwischenbilanz
29.06.2010 | 08:04 Uhr 2010-06-29T08:04:00+0200
Duisburg.Das Kulturhauptstadtjahr feiert Bergfest. Aus diesem Anlass rasseln die beiden Geschäftsführer von Ruhr.2010 und deren vier künstlerische Direktoren durch das Programm des ersten und des zweiten Halbjahres und sind nicht einmal außer Atem. Aber sehr vergnügt.
„Ich bin nicht auf Jobsuche“, sagt Oliver Scheytt lächelnd, „machen Sie sich um mich keine Sorgen.“ Er sitzt am Montag auf dem Podium im Duisburger Mercatorsaal, auf einer der Biertischbänke, die demnächst die A 40 gastlich machen sollen (und von denen Fritz Pleitgen später sagen wird, dass das Sitzen darauf mit der Zeit ein bisschen mühsam ist). In einer knappen Stunde sind die beiden Geschäftsführer von Ruhr 2010 und deren vier künstlerische Direktoren durch das Programm des ersten und des zweiten Halbjahres gerasselt und jetzt nicht einmal außer Atem. Aber sehr vergnügt.
Pleitgen hat vorgelegt: „Kultur kann enorm viel leisten – im Ruhrgebiet sogar Halden versetzen, Halden des Denkens“; Karl-Heinz Petzinka, der Architekt, hat vom „Reigen wunderbarer Projekte“ ge-schwärmt, Bochums Generalmusikdirektor Steven Sloane den „Day of Song“ überwältigend genannt. Sie denken nicht daran, kleine Brötchen zu backen bei ihrer Zwischenbilanz und dazu haben sie auch keinen Grund. Es läuft, meistens kriegen sie sogar das Wetter hin; Fritz Pleitgen sagt fröhlich: „Alle machen mit!“, und: „Kultur ist kein Fußball, aber sie kann die Menschen auch begeistern.“ Dann fügt er hinzu, fürs seriöse Protokoll: „Der Zuspruch übertrifft alle Erwartungen.“
Anfangs Probleme mit den Besuchermengen
Sie haben aber nicht viel Lust auf seriös, sie sind ein bisschen euphorisch. Auch Oliver Scheytt, dem in der vorigen Woche noch Gelüste auf ein nicht existierendes Amt als Superkulturdezernent nachgesagt wurden, ist locker. Pleitgen hat klargestellt: „Herr Scheytt und ich haben absolut kein Superkulturdezernat im Auge“, damit ist das Thema erledigt und Scheytt kann entspannt ein wirklich hübsches Bonmot über das Ruhrgebiet beisteuern: „Bei uns kommst du als Gast und du gehst als Kumpel.“ Aus dem Bereich der harten Fakten trägt er bei, dass man anfangs Probleme mit den Besuchermengen hatte, aber seit Juni gibt es ein Callcenter. Und endlich handliche Zweimonatskalender.
Im übrigen ist am Montag das Thema: Erfolg. Die „Odyssee“ der Theater. Lichtkunst im Wohnzimmer. Singende Ruhrmenschenmengen, Ansturm auf Zollverein, Route der Wohnkultur. Lokale Helden – manche Stadt möchte die Kulturwoche zur Dauereinrichtung machen. „Die Kulturhauptstadt bringt die Menschen zum Staunen – auch diejenigen, die hier leben“, sagt Scheytt.
Und rasant geht es weiter: Mit „Theater der Welt“, das am Mittwoch in Mülheim mit „Montezuma“ beginnt. Das Libretto schrieb der Alte Fritz persönlich. Mit der Love-Parade am 17. Juni in Duisburg, mit der gesperrten Kulturautobahn am Tag darauf. Mit dem Kongress „Mehr Licht!“ über die Folgen der Aufklärung. Und im Oktober liest Günter Grass in Bochum aus seinem neuen Buch „Grimms Wörter“, über das Leben der Märchenbrüder. Es erscheint im Herbst.
Es geht um das, was bleibt nach 2010
Sie hören noch lange nicht auf, berichten vom Medienkunst-Festival ISEA im Dortmunder U, von doch noch stattfindenden Schritten in Richtung Viktoria Quartier in Bochum; es war schon totgesagt. Vom Herkules von Markus Lüpertz, der im Oktober auf den Nordsternturm in Gelsenkirchen gehievt wird. Undsoweiter, undsoweiter; und bei der Ruhr Triennale wird „Gisela! oder die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“ uraufgeführt, Musiktheater für Jugendliche, auch für jugendliche Musiker, von Hans Werner Henze. Wird er rechtzeitig fertig? Steven Sloane lacht: „Er wird, und ist es fast schon. Am Donnerstag wird er 84.“
Bei aller Begeisterung müssen sie dann aber doch noch mal ernst werden, denn die Sache mit dem „Superdezernenten“ hatte ja einen richtigen Kern: Es geht um die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt, um das, was bleibt.
„Die Städte geben trotz Finanznot ihr Bestes, dieser Schwung muss genutzt werden“, sagt Pleitgen. „Wir werden auch in unserem eigenen Interesse alles tun, damit nicht 2011 das Licht ausgeht und die Kulturhauptstadt bloß wie die Kapelle auf der Titanic gespielt hat.“ Deshalb werden Gespräche geführt mit Bürgermeistern und Oberbürgermeistern, Erfahrung wird zusammengetragen, ein Papier erarbeitet. Das Vorschläge macht. Keine Posten verteilt.
Scheytt sagt: „Wir wollen den Geist der Kulturhauptstadt im großen Rahmen fortsetzen.“ Ein großes Wort, ein gutes Wort.
11:51
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
11:47
Alles ganz nett, aber was soll das langfristig bringen ? Ein kleines kulturelles Strohfeuer. Wir haben andere Probleme, für die wir unser knappes Geld einsetzen sollten.