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Literatur

Romanfigur sucht ihre Wurzeln zwischen Gladbeck und Jeddah

21.03.2016 | 18:01 Uhr
Romanfigur sucht ihre Wurzeln zwischen Gladbeck und Jeddah
Autorin Rasha Khayat mit ihrem Buch „Weil wir längst woanders sind“ auf der Leipziger Buchmesse.Foto: imago

Essen.   Rasha Khayat wuchs auf im Revier, ihr Vater stammt aus Saudi-Arabien. Ihr Romandebüt erzählt von der Suche nach den eigenen Wurzeln.

Mit sieben Jahren sieht Layla zum ersten Mal Schnee, steht in einem deutschen Stadtpark zum ersten Mal auf Schlittschuhen. Später wird ihr das Bergarbeiterstädtchen, aus dem ihre Mutter stammt, zur Heimat. Noch später, da ist Layla schon über 30, heiratet sie: in Jeddah, Saudi-Arabien, der Heimat ihres Vaters. Heiratet den saudischen Ingenieur Rami, der manikürte Finger hat und gezupfte Augenbrauen. Heiratet ganz freiwillig ein in ein Land, in dem Frauen Schleier tragen müssen und nicht Auto fahren dürfen. Und sagt ihrem erstaunten Bruder Basil: „Ich bin glücklich hier, reicht das nicht?“

Layla ist eine Romanfigur. „Ich selbst würde nicht in Saudi-Arabien heiraten“, sagt Autorin Rasha Khayat, die in ihr Debüt aber doch viel eigenes Leben einfließen ließ. Auch ihr Vater stammt aus Saudi-Arabien, auch sie kam als Kind ins fremde Deutschland – und wuchs auf in Gladbeck. Gegen das Gefühl der Fremdheit, der „Zweischneidigkeit im Leben“, wirkten nicht nur „das gute, enge Familienleben“. Sondern auch die Bücher: „Ich hätte den Ausleihpreis der Gladbecker Stadtbücherei verdient“, sagt die heute 37-Jährige mit einem Lachen. Es folgten: Literaturstudium in Bonn, eine Zeit in einer Literaturagentur in London, ein Lektoratsvolontariat im Rowohlt-Verlag. Heute ist sie freie Lektorin und Übersetzerin in Hamburg – und, ja, Schriftstellerin.

Eine Frau trägt Schleier – freiwillig

Was wäre gewesen, wären da nicht die Bücher, wäre da nicht die Familie gewesen? Das Gefühl des „Displacements“, das Gefühl, sich selbst fremd zu sein, ist Kern des Buchs „Weil wir längst woanders sind“. Rasha Khayat erzählt von Layla und ihrem Bruder Basil auf mehreren Zeitebenen. Im Heute reist Basil zu Laylas Hochzeit: Da urlaubt die weitverzweigte saudische Familie in einer luxuriösen Ferienanlage direkt am Meer; hier dürfen die Frauen sogar schwimmen gehen. In Mekka knipst der Cousin Facebook-Fotos: „Say Allaaaaaah!“ Beim Junggesellenabschied aber geht es in die Wüste – um nach alter Tradition einen ganzen Hammel zu grillen. Dazwischen erzählen Rückblicke Familiengeschichte: Im Garten der Großeltern blätterte Basil in Fußballzeitungen, die fremde Trikots zeigten – weiß-blau, schwarz-gelb, rot-weiß. Ihre Mutter, Barbara, wuchs ja auf „im Nachkriegsgrau des Ruhrgebiets“, da gab es Steckrüben, Schweinebauch, Milchreis. Und im Krankenhaus, wo sie Schwester war, den Assistenzarzt Tarek: Der hatte mit einem Stipendium des saudischen Bildungsministeriums an der Ruhr-Universität studiert. Wenn er ihren Namen sagte, klang es so: „Barrrbarrra“.

„Unser Freundeskreis besteht aus vielen solcher binationaler Ehen“, sagt Rasha Khayat. Im Geschwisterpaar Basil und Layla zeigt sie, was Entwurzelung anzurichten vermag: Während Basil seiner Freundin Juli immer seltener Nachrichten schreibt und gar nicht weiß, „wie sich Fühlen anfühlen soll“, ist für Layla Deutschland nur noch „dahinten“: „Dahinten ist zu wenig Platz für Schönes, für Wärme. Da ist Abstand und Filter. Warum kann denn dahinten niemand einfach mal sagen, was er fühlt?“

Wüstenprinzessin oder Terroristin?

Der Roman setzt auf den Schock: Da gibt eine junge Frau die Freiheit des Westens auf, nur, um nicht mehr gefragt zu werden: „Wo kommst du denn her?“ Um sich nicht mehr gegen die Bilder der anderen wehren zu müssen, die in ihr die „Wüstenprinzessin“ sehen – oder die „Terroristin“.

Kultur
Jeddah und Gladbeck

Rasha Khayat, geboren 1978 in Dortmund, lebte zunächst in Jeddah, Saudi-Arabien. Als sie elf war, zog sie mit ihrer Familie nach Gladbeck. In Bonn studierte sie Literaturwissenschaften. Heute lebt sie als freie Lektorin und Autorin in Hamburg.

Ihr Roman „Weil wir längst woanders sind“ ist bei Dumont erschienen (160 S., 19,99 €).

Vor anderthalb Jahren hat Rasha Khayat ihren Debütroman beendet, nun gerät er mitten in die Flüchtlingskrise hinein. Auf ihrem Blog Westoestlichediva.com verurteilt Rasha Khayat die Kölner Silvester-Täter ebenso wie die Pegida-Aufmärsche; ihr Roman aber soll erzählen, wie es ist, wenn Heimat nicht selbstverständlich ist, nicht angeboren. Wie es ist, wenn man die eigenen Wurzeln erst erkennen muss.

Das Ruhrgebiet habe sie geprägt, sagt Khayat: „Ich musste erst weggehen, um es lieben zu lernen.“ Den nächsten Roman hat sie bereits im Kopf: eine Familiengeschichte – mitten aus dem Revier.

Britta Heidemann

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2016-03-21 18:01
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