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Richard David Precht: "Ich bin nicht eitel!"

18.05.2009 | 00:01 Uhr
Richard David Precht: "Ich bin nicht eitel!"

Köln. Philosoph und Bestsellerautor: Richard David Precht gilt spätestens seit "Wer bin ich - und wenn ja wie viele?" als der schöne Linksintellektuelle - dabei findet er sich selbst weder besonders schön noch links. Ein Gespräch über Äußerlichkeiten und innere Haltungen.

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Mit Angela und Frank-Walter im Aquarium

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Viel Holzfußboden mit wenigen Möbeln darauf, eine Ikea-Küchenecke und ein riesiges Aquarium: So sieht Richard David Prechts Kölner Wohnung aus, die er selbst eher selten sieht. Weil er pendelt zwischen der Domstadt, in der auch sein Sohn lebt, und Luxemburg, wo Ehefrau Caroline Mart und seine Stiefkinder zuhause sind – und den zahlreichen Hotelzimmern seiner Lesereisen.

Denn auch sein zweites populäres Sachbuch - nach dem spektakulär erfolgreichen „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“- in dem er sich nun mit den Theorien zur Liebe beschäftigt, füllt die Säle. Die Veranstaltung am heutigen Freitag in Recklinghausen ist, wie so viele seiner Auftritte, längst ausverkauft. Die beiden Bücher stehen auf Platz zwei und drei der Spiegel-Bestsellerliste. Sein autobiografisches Buch „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ wurde 2007 verfilmt.

Und das Aquarium in Köln? Die Fische brauchen nicht jeden Tag Nahrung, versichert Precht. Zwei von ihnen heißen Frank-Walter und Angela, übrigens: „Schützenfische haben so nach unten gezogene Mundwinkel“.

Morgens um zehn öffnet Richard David Precht die Wohnungstür auf Socken, Haare und Bett ungemacht. Ja, woher wir das denn wissen? Vom Schlafzimmer geht der kleine Balkon ab, auf den eine Pflanze und zwei Stühle passen und zwei Menschen so gerade noch, wenn sie die Knie anziehen und die Kaffeetassen auf den Boden stellen. Die Sonne scheint. Schön!

Sie sind Kind der 68er Generation, Kind linker Eltern aus Solingen – wie war das so?

Richard David Precht: Meine Eltern haben versucht, vieles anders zu machen als andere Eltern, eine Konsequenz war, dass auf Kleidung kein besonderer Wert gelegt wurde, dass wir die Wände in den Kinderzimmern bekritzeln durften und bei uns zu Hause keine deutschen Schlager liefen, sondern Liedermacher. Meine Eltern haben durch die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg einen starken Antiamerikanismus entwickelt. 1969 wurde mein Bruder Marcel als eines der ersten Kinder aus Vietnam nach Deutschland adoptiert, damals noch am Rande der Legalität und als humanistisches wie politisches Zeichen. 1972 kam meine Schwester Louise. Ich bin in einer Familie aufgewachsen mit fünf Kindern, davon zwei Adoptivkinder. Wir waren damals in Solingen schon exotisch.

Wo stehen Sie politisch heute?

Richard David Precht: In Zeiten, in denen ein adeliger Wirtschaftsminister von der CSU über Verstaatlichung einer Bank nachdenkt, muss man dieses ganze Rechts-Links-Spektrum anders beleuchten. Ich bin definitiv nicht rechts, aber ich könnte mich parteipolitisch nicht irgendwo links wieder finden.

Was mich von den Linken ganz stark unterscheidet, ist das Menschenbild. Ich glaube nicht, dass man Kraft der guten Ideen und Kraft einer vernünftigen Weltordnung die Dinge zum Besseren wenden kann. Das heißt nicht, dass man Dinge nicht besser machen kann, aber nicht von oben. Man kann die Leute nicht zu ihrem kollektiven Glück zwingen.

Sie sind in der Zoologie sehr bewandert – würden Sie sagen, dass das Tierreich eher links oder eher rechts ist?

Richard David Precht: Was für eine lustige Frage… Ich würde sagen, dass das Tierreich amoralisch ist. Und damit wäre es, nach unserer Vorstellung, eher rechts. Der Mensch ist des Menschen Wolf, was Thomas Hobbes geschrieben hat im 16. Jahrhundert, das ist eigentlich das Menschenbild der Rechten. Die Linken glauben, dass der Mensch eigentlich gut ist, man muss ihn nur richtig erziehen, dann wird schon etwas aus ihm.

In dieser Woche erschien das Buch „Unter Linken“, in dem ein Autor ihrer Generation sich sehr von seinen Eltern distanziert.

Bild aus Richard David Prechts Buch "Lenin kam nur bis Lüdenscheid": Precht erzählt darin seine ganz eigene Geschichte als Kind linker Eltern.

Richard David Precht: Das ist ja eigentlich normal, von diesen Büchern gibt es viele. Bevor ich Lenin kam nur bis Lüdenscheid geschrieben habe, war es üblich, dass Kinder aus so genannten 68er-Familien mit ihren Eltern abrechneten, weil sie lieber wie die Generation Golf gewesen wären. Aber im Nachhinein, sozusagen aus der historischen Position des Besserwissens, das alles dämlich zu finden, das ist mir zu billig. Diese Art von Abrechnung ist mir als Haltung nicht so sympathisch. Deswegen fällt mein Buch aus der Reihe, es gibt zwar auch Kritik – aber die betrifft eher meine Jugend als meine Kindheit.

Nämlich?

Richard David Precht: Dass wir so konsequent in der Pubertät unberücksichtigt blieben in unseren Interessen, etwa was Kleidung angeht. Dass wir mit Flohmarktklamotten eingekleidet wurden. Aber das Positive überwiegt. Das, was meine Eltern mir vermittelt haben: mich um Mehrheitsmeinungen nicht zu scheren, gewisse rhetorische Fähigkeiten, ein gesundes Selbstbewusstsein.

Haben Sie sich als Jugendlicher als schön empfunden, trotz der Turnhosen?

Richard David Precht: Ich kann Ihnen Fotos zeigen… Ich hatte das Handicap, dass ich sehr lange sehr klein war, ich bin spät gewachsen. Und ich trug eine Brille mit Glasbausteinen. Meine Wirkung auf Mädchen im Alter zwischen 13 und 17 kann man als gleich Null bezeichnen. Aber ich habe mit meinem Körper, meinem Aussehen nie gehadert. Deswegen bin ich heute nicht übertrieben eitel. In meinem Badezimmer steht keine Haut- oder Körperpflegeserie, sondern nur ein billiges Shampoo.

Und die Kleidung?

Richard David Precht: Ich besitze unterdurchschnittlich viele Klamotten.

Also haben Sie das jugendliche Trauma nicht kompensiert?

Richard David Precht: Als ich das erste Mal richtig Geld in den Fingern hatte, aus meiner Sicht, während des Zivildienstes, da habe ich mich mit italienischer Mode eingekleidet, in dem hippsten Laden von Solingen. Lachen Sie nicht, immerhin! Der hatte Düsseldorfer Format!

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Richard David Precht: Die fanden das in Ordnung.

Ist es nicht grundsätzlich verpönt, links und schön zu sein?

Richard David Precht: Der Schönheitskult bei den Linken ist sehr stark, denken Sie mal an Che Guevara, diese durch und durch ästhetisierte Ikone. Oder diese ganzen schönen Frauen wie Uschi Obermaier, Iris Berben. Es war schon wichtig, schön zu sein. Nur nicht bei uns zu Hause, nicht in Solingen.

Heute hat man eher nicht den Eindruck, dass links und schön Synonyme sind.

Richard David Precht: Das liegt daran, dass Links nicht mehr Avantgarde ist. Dieses freie Leben, die sexuelle Befreiung, das Hippietum, das war ja alles links. Heute ist dieser ganze Markt, tendenziell, eher unpolitisch. Aus dem sexuellen Aufbruch ist die Pornoindustrie geworden. Die Linken sind nicht mehr diejenigen, die etwas Neues vorleben.

Wer ist denn heute Avantgarde?

Richard David Precht: In den letzten 10, 15 Jahren – die Liberalen. Die wollen einen anderen Staat. Die wollen die soziale Marktwirtschaft abschaffen.

Einen anderen Staat zu wollen, das wirft man aber doch Lafontaine vor.

Richard David Precht: Der will keinen anderen Staat. Was Lafontaine will, ist die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards zu retten.

Deutschlands schönster Philosoph: Richard David Precht. (c) imago

Sie gelten als Deutschlands schönster Philosoph – war Ihre Schönheit Ihrem Erfolg dienlich?

Richard David Precht: Ich glaube, dass sie sehr lange hinderlich war. In der akademischen Welt in Deutschland hat man eine bestimmte Vorstellung davon, wie Leute aussehen. In dieses Bild passte ich nicht hinein. Genützt hat sie in dem Moment, in dem ich in Zusammenhang mit dem Erfolg von „Wer bin ich?“ das erste Mal im Fernsehen war. Wobei ich mir immer noch einbilde, dass der Grund, warum ich eingeladen werde, nicht allein auf mein Aussehen zurückzuführen ist.

In der evolutionären Psychologie wird Schönheit definiert als Symmetrie, schließen Sie sich dem an?

Richard David Precht: Die Idee, dass das Symmetrische das Ideal der Schönheit ist, die findet sich schon bei Kant, in der Kritik der Urteilskraft. Die biologischen Theorien, die uns weismachen wollen, dass Schönheit zweckmäßig ist, und dass das, was wir an Frauen geil finden, dass das evolutionär sinnvoll ist, das ist Kokolores. Das glaube ich nicht. Schönheit hat zu tun mit persönlichem Ausdruck – und unserem Wissen.

Inwiefern?

Richard David Precht: Ich bekomme im Moment so viele Komplimente für mein Aussehen wie in meinem ganzen Leben nicht. Das liegt daran, dass ich prominent geworden bin. Das Wissen darum, wer jemand ist, wirkt auf unser Bild dieses Menschen ganz entscheidend. Ich habe ein absolut unsymmetrisches Gesicht. Keines, das man am Computer designen würde. Da würde man die Nase kleiner machen und den Mund, nur die Augen vielleicht so lassen.

Was ist für Sie ein schöner Mensch?

Richard David Precht: Jemand, der eine schöne Ausstrahlung hat. Ich finde die allermeisten schönen Frauen erotisch total uninteressant – nicht alle, aber die meisten.

Sie meinen jetzt schön im Sinne von: die Laufsteg-Schönen?

Richard David Precht: Ja, genau. Man weiß ja, was schön ist. Man könnte sofort ein Ranking machen, wenn man in irgendeine Kneipe käme. Wir haben genau diese Kriterien im Kopf für die Bewertung des Status – aber die Kriterien gelten nicht bei der Frage, was für uns schön ist. Meine Frau zum Beispiel, die finde ich sehr, sehr schön.

Davon wollen wir ausgehen.

Richard David Precht hat kein Interesse an Barbie-Schönheiten. (c) imago

Richard David Precht: Aber wirklich – wunderschön! Sie entspricht meinem Schönheitsgeschmack ganz extrem. Obwohl man vielleicht, wenn man jetzt ein Ranking macht, irgendwelche Barbie-Schönheiten davor einsortieren würde, die mich aber einfach nicht interessieren.

Warum gibt es unterschiedlich schöne Menschen?

Richard David Precht: Weil es auch unter Tieren Variationen gibt. Das entsteht per Zufall.

Und macht gar keinen Sinn?

Richard David Precht: Nein. Gesundheit macht Sinn, biologisch gesehen – dass man sich keinen Partner aussucht, der schwächlich oder kränklich ist. Aber Sie haben zum Beispiel in der Werbung sehr viele morbide Schönheiten, magere Models. Wir trennen Gesundheit und Schönheit heute.

Welche Rolle spielt Schönheit in der Liebe?

Richard David Precht: Ich würde mal sagen, wenn die Menschen nicht so schön sind, ist es leichter. Je geringer die Auswahl an Partnern ist, desto leichter fällt es, treu zu sein. Umso leichter hat man das Gefühl, den Richtigen gefunden zu haben. Ansonsten aber sollten wir, damit wir uns verlieben, irgendetwas an dem anderen schön finden. Aber das kann auch ein Lächeln sein oder ein feiner Humor. Das können auch übertragene Schönheiten sein.

Was sagt ihre Frau zum medialen Rauschen um ihr Aussehen?

Richard David Precht: Sie findet das, glaube ich, schon ein bisschen übertrieben. Sie hat gelacht über das, was Michelle Obama über ihren Mann gesagt hat: Der hat morgens Mundgeruch wie jeder andere. Ich habe zwar keinen Mundgeruch, aber meine Frau kennt mich in allen Lebenslagen.

Was schreiben Sie als nächstes?

Richard David Precht: Ein philosophisches Buch, das sich mit moralischen Fragen beschäftigt. Aber nicht erklärt, wie der Mensch sein soll, sondern wie er ist.

Wie ist er denn?

Richard David Precht: Die meisten Menschen wollen gut sein, sind es aber nicht. Wie kommt das eigentlich?

Britta Heidemann

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