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Richard Wagner

Rheingold in Bayreuth holt sich seine Kicks an der Route 66

27.07.2013 | 12:57 Uhr
Norbert Ernst und Burkhard Ulrich an der Rheingold-Tankstelle in Bayreuth.Foto: AFP PHOTO / BAYREUTHER FESTSPIELE / ENRICO NAWRATH

Bayreuth.  Wie deutsch ist das Rheingold? Unter Frank Castorf spielt der erste Teil von Richard Wagners "Ring der Nibelungen" komplett in den USA. In einem Motel an der Route 66 geht es um die Globalisierung, um die Filmindustrie - und um die Wurst. Denn die ist das einzig Deutsche an dieser Inszenierung.

Jede „Ring“-Inszenierung leidet unter einem gewaltigen Erwartungs-, ja geradezu Erlösungsdruck. Für Bayreuther Neuinterpretationen gilt das in einem solchen Maße, dass die Festspielleitung sogar Probleme hat, Regisseure zu finden, die sich die Mammut-Tetralogie mit ihren 16 Nettostunden Musik an vier Abenden überhaupt antun wollen.

Frank Castorf, langgedienter Chef der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und selbsternannter böser Junge des deutschen Regie-Theaters, unterläuft diese Ansprüche von Anfang an. Denn er postuliert zur Eröffnung im „Rheingold“ keine Helden, sondern verfremdet sie – allerdings auf so hinterlistige und manchmal auch komische Weise, dass vorschnelle Aha-Entdeckungen sofort wieder umkippen.

Typisch deutsch ist in Bayreuth diesmal nur die Bratwurst

Kirill Petrenko zieht als Dirigent gleichzeitig der Partitur das weihevolle deutsche Gemüt aus. Das einzig typisch Deutsche zwischen Rheintöchtern und Nibelungenschatz ist die Bratwurst (Symbolik, Symbolik), die Alberich sich schnappt, bevor er der Liebe entsagt. So entsteht eine anstrengende, manchmal nervige, oft lustige Interpretation.

Der Beifall war, wie üblich in Bayreuth, gemischt, doch das Donnerwetter für die Regie bleibt vorerst aus, denn Castorf wird erst nach der „Götterdämmerung“ vor den Vorhang treten – und bis dahin kann noch viel passieren.

Rheingold-Kicks an der Route 66

Mirella Hagen (Woglinde), Julia Rutigliano (Wellgunde), Okka von der Damerau (Floßhilde).Foto: Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Ein Motel an der Route 66 in den USA bildet den Schauplatz des „Rheingoldes“. Der geniale Bühnenbilder Aleksandar Denic stellt das Gebäude in mehreren Ebenen auf die Drehbühne wie eine Filmkulisse. Ein Großbildschirm überträgt die Aktionen der Protagonisten simultan, so dass wir aus jedem Blickwinkel erfahren, was Götter, Riesen, Rheintöchter und Nibelungen gerade so treiben.

Tatsächlich handelt es sich bei Tankstelle, Bar und Swimmigpool um ein Filmset, bei dem der namenlose stumme Tankwart/Barkeeper als Mystery Man die Fäden zieht. Jeder ist hier mal vorbeigekommen: Der Pate und Barbarella, der Pinguin mit gelber Ente aus Batmans Rückkehr und die Freaks des B-Kinos, die am Schluss mit dem Tankwart Party machen.

Frank Castorf zeigt einen Ring im Öl-Zeitalter

Diese Filmikonen spielen jetzt Wotan und Alberich und Mime und Donner und Loge. Da die Akteure wissen, dass sie gefilmt werden, stehen sie permanent neben sich, weil ja alles nur gespielt ist, ein dunkles Märchen mit kaputten Helden und schönen Frauen in Not. Wagners Musik hat Hollywood unendlich beeinflusst und Castorf gibt das Kino jetzt an Wagner zurück – doch nicht in einer 1:1-Übersetzung, sondern mit vielen Zitaten als Episodenerzählung. „Ein Spiel mit Anderrealismus“, so hat Bühnenbilder Denic das Konzept im Vorfeld bezeichnet.

Castorf will einen Öl-Ring zeigen, und das Motel an der Route 66 ist, wenn mal dem folgen will, der nachhaltigste Globalisierungserfolg des Ölzeitalters, ohne Öl kein Material Film und also keine Filmindustrie. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn es macht eine Traumfabrik möglich, die viel monströser ist als alle gigantischen Bilder in Wagners Opernwelten zusammen, aber in dieser Traumfabrik gerinnen individualisierte Schicksale zu globalen Klischees.

Alles klingt mit dem phantastischen Festspielorchester frisch

Castorf führt sein bürgerliches Publikum durchaus gezielt vor, denn man ertappt sich unweigerlich dabei, dem Sog der künstlichen Bilder zu verfallen, der Geschichte auf dem großen Bildschirm zu folgen und gar nicht auf die kleinen echten Menschlein zu achten, die da unten auf der Bühne singen.

Kirill Petrenko hält mit einem Dirigat gegen diese Überflut an Optik an, das die bizarren und konstrastreichen Effekte in Wagners Partitur zum Klingen bringt. Hier wird nichts versöhnlich glatt gebügelt oder weihevoll aufgerüscht, aber alles klingt mit dem phantastischen Festspielorchester zauberhaft frisch und im übrigen auch hochmodern. Allerdings wird die Musik der Optik in gewisser Weise auch geopfert, sie läuft mit - anstatt das Geschehen voranzutreiben. Da muss sich Petrenko bei den folgenden drei „Ring“-Abenden noch etwas mehr durchsetzen.

Da ist das Benzin - greift Loge jetzt zum Feuerzeug?

Martin Winkler hat als Alberich mit Badeente sensationelle Auftritte. Seine Tändelei mit den Rheintöchtern (Mirella Hagen, Julia Rutigliano, Okka von der Damerau) mündet in einem Liebesfluch, der wirklich Sprengkraft hat.

Und sein Duell mit Wotan (Wolfgang Koch als triebgesteuerter Clanchef mit vielen Farben im Bass) und Loge (Norbert Ernst mit schönem hellen Tenor) wird zur Rebellion des Außenseitertums: Mit dem Ring-Fluch wehrt sich die geschundene Kreatur gegen das Establishment. Günther Groissböck (Fasolt) und Sorin Coliban (Fafner) sind Riesen von Format – und mit Nadine Weissmann als stimmgewaltiger Erda und Claudia Mahnke als mädchenhafter Fricka sind die Frauen ebenso hochkarätig besetzt.

Kurz bevor die Götter endlich Walhall beschreiten wollen, verspritzt der Tankwart Benzin auf dem Boden – und alle warten nun darauf, dass Loge mit seinem Feuerzeug zum Finale einen ungeheuren Opernknall auf dem Grünen Hügel entzündet. Doch Loge zuckt die Achseln und geht weg. Castorf spielt mal wieder Katz und Maus mit Theatererwartungen. Die Götter bleiben auf dem Boden.

Was trägt Merkel bei den Festspielen?

 

Monika Willer



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