Rainer Merkel und die Bilder einer gescheiterten Beziehung
23.09.2009 | 10:00 Uhr 2009-09-23T10:00:00+0200Essen. Rainer Merkels Roman „Lichtjahre entfernt" setzt den Leser einem Albtraum aus. Nacht für Nacht grübelt Therapeut Thomas über seine Beziehung. Etwas ging schief. So dass er sich die Frage aller Fragen stellen muss: „Lieben wir uns eigentlich noch?"
Wir befinden uns in einem dieser Träume, aus denen man benommen und schwitzig aufwacht: Ein Mann muss zum Flughafen, er muss eine Wohnung aufräumen, sein Gepäck nehmen und die U-Bahn, er hat es eilig, seine Uhr ging falsch, er ist zu spät und zu gefangen in Vergangenem, um wirklich einen Aufbruch zu wagen. So beginnt der neue Roman von Rainer Merkel, der bekannt wurde für „Das Gefühl am Morgen". Nun widmet er sich der Nacht.
Thomas Kaszinski, Therapeut aus München, hat in New York seine Freundin Judith getroffen, die gerade in Washington arbeitet. Sie hat auf der Couch geschlafen, „Lichtjahre entfernt" eben, und das lässt ihn nachdenklich werden und zurückrechnen: „Nacht für Nacht. In einer systematischen Erinnerungsarbeit, und wenn man alles noch einmal durchgeht, findet sich vielleicht der entscheidende Moment, der Augenblick, nach dem ich schon die ganze Zeit suche." Etwas ging schief. So dass er sich die Frage aller Fragen stellen muss: „Lieben wir uns eigentlich noch?"
Merkel ist nicht nur Schriftsteller, er hat eine Vergangenheit als Diplom-Psychologe und Therapeut. Ob er je genervt war von seinen Patienten? Ob er seinen Lesern zeigen wollte, wie genervt man sein kann von einem, der um sich kreist und kreist?
Gewohnheit und Globalisierung
Die Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2009 stehen fest.
Auf der Shortlist stehen:
- Rainer Merkel mit "Lichtjahre entfernt" (S. Fischer, März 2009)
- Herta Müller mit "Atemschaukel" (Hanser, August 2009)
- Norbert Scheuer mit "Überm Rauschen" (C. H. Beck, Juni 2009)
- Kathrin Schmidt mit "Du stirbst nicht" (Kiepenheuer & Witsch, Februar 2009)
- Stephan Thome mit "Grenzgang" (Suhrkamp, August 2009)
- Clemens J. Setz mit "Die Frequenzen" (Residenz, Februar 2009)
Verliehen wird der Deutsche Buchpreis am 12. Oktober im Kaisersaal des Frankfurter Römers. Der Sieger erhält ein Preisgeld von 25 000 Euro.
So einer nämlich ist Thomas Kaszinski. Er erinnert sich akribisch, an Urlaubsnächte, an eine Reise quer durch Amerika, an die tägliche Suche nach dem perfekten Hotel. Die doch nie zur perfekten Nacht führt, was, oh Wunder, viel mit der Abwesenheit jeglicher Körperlichkeit zu tun hat (mit Ausnahme des einen Pornos, über dem Judith schließlich einschläft). Für Sex gibt es ja andere in Kascinskis Leben: Frauen, die er im Internet kennenlernt und entlohnt für ihre Mühe.
Beiläufig, so erzählt Merkel, in Episoden und Empfindungen, Fragmenten und Fragen, die sich zusammenfügen zum Bild einer scheiternden Beziehung. Einer sehr modernen Beziehung voller Gewohnheit und Globalisierung: zu nah oder zu weit weg für entscheidende Schritte in die eine oder andere Richtung. Das Ausweg- und Ratlose einer solchen Bindung lässt er uns, ein Lob der Lebensnähe!, deutlich nachempfinden. So deutlich, dass wir froh sind, dass dieser Albtraum nicht der unsere ist – und wir das Buch benommenen Kopfes aus den schwitzigen Händen legen dürfen.
Rainer Merkel: Lichtjahre entfernt. S. Fischer Verlag, 202 Seiten, 18,95 Euro
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