Porentief rein

Düsseldorf..  Normalerweise hören Konzerte so auf: mit Luftschlangen, Konfettiregen und Feuerwerk. Helene Fischers Konzert am Dienstagabend im Düsseldorfer ISS Dome aber fängt so an. Ein Signal zum Auftakt der „Farbenspiel – Stadion Sommertournee 2015“: Hier setzt eine deutsche Künstlerin neue Maßstäbe. Ab dem 2. Juni gibt Fischer innerhalb von gut vier Wochen 24 Konzerte in den großen Stadien der Republik. Darunter ist auch die Arena in Gelsenkirchen, die an zwei Tagen hintereinander bespielt wird. Karten gibt es keine mehr. Was, bis auf wenige Restkarten, für alle Stationen gilt. Düsseldorf ist die Generalprobe für diesen Mega-Marathon.

Der Haken an Helene

Zur Aufführung kommt eine Show, die dutzendfach nach dem Prädikat „Superlativ“ schreit. Würde man der Frau, die da im vergleichsweise intimen Rahmen von 8500 Fans Stücke wie „Unser Tag“ oder „Mitten im Paradies“ singt, den Ton abdrehen, könnte man glauben, in einer weltweit tourenden US-Produktion gelandet zu sein. Mit opulenter Light- und Lasershow, aufwändig gestalteten, phänomenal-emotionalen Videoprojektionen, einer Bühne, die sich weit in den Innenraum hinein erstreckt (und in den Stadien dann noch etwas fetter gerät), mit zwölf Tänzern, einer Riesenband inklusive Turbogebläse und Streichern. Die Protagonistin trägt dazu eine Garderobe, mit der sie auch in Las Vegas landen könnte. Bei „Vergeben, vergessen und wieder vertrau’n“ kommt erstmals die „Helene Fischer App“ zum Einsatz. Die gab es im Vorfeld als Gratis-Download und verwandelt nun, passend zum Tournamen, den Dome in eine riesige Palette aus I-Phone-Displays, die im Takt der Musik abwechselnd blau, grün, rot, türkis, gelb und orange aufleuchten.

Der Haken an Helene Fischer ist, dass es keinen Haken gibt. Sie kann toll singen, sie kann toll tanzen und sie sieht toll aus. Sie ist gläubig, geht gerne in den Bergen wandern und in den Armen ihres Liebsten ist sie die glücklichste Frau der Welt. Sie ist zielstrebig, lustig und spontan, ihren Fans sehr nah und sehr natürlich. Ein Familienmensch, der später gerne Kinder haben möchte und dessen Lieblingsfarbe Gelb ist. Gelb wie die Sonnenblume. Und sogar wenn sie eine Schwäche zugibt (Schokolade), dann ist das zugleich eine Stärke. Wer dauerhaft Kleidergröße 34 tragen will, darf nicht unkontrolliert Kalorien einfahren. Die Frau verfügt also auch noch über Disziplin.

Zipfel-Mini statt Politik

Einen Monat lang hat Frau Fischer in Düsseldorf geprobt, um ihr regenbogenbuntes Spektakel bühnensicher zu machen: „Für diesen Moment schwitzt man und schuftet man!“ Der Jubel, der dieses Geständnis quittiert, ist gewaltig. Besonders im Innern des kreisrunden Catwalks, wo alle nur Weiß tragen: „Ihr seid mein unbeschriebenes weißes Blatt im Farbenspiel.“ Zum Repertoire der 1,58-Meter-Blondine zählen nicht nur Schlager, Musicals und Filmmusik, sondern auch Rock-, Rap- und Popsongs. In ihr Düsseldorfer Medley packt sie Stücke von den White Stripes, Westernhagen, Grönemeyer, den Kings of Leon und Tina Turner.

Helene covert, ja, aber nie würde sie sich zu einem Griff in den Schritt à la Miley Cyrus hinreißen lassen, hackebreit wie Amy Winehouse auf die Bühne stolpern oder Kopulationsposen einnehmen wie Lady Gaga. Zwar nennt sie Pink ihr Vorbild, und eifert ihr in Sachen Akrobatik auch wacker nach, aber politische Statements, wie sie die fünf Jahre ältere Kollegin gern und unverblümt vom Stapel lässt, sind so gar nicht ihr Ding.

Lieber schreitet sie in goldenen Hot-Pants zum kurzen Zipfel-Mini (in Gelb!) auf High-Heel-Römer-Stiefelchen wie eines von Heidis Mädchen über den Catwalk, gibt den Backgroundsängerinnen Begrüßungsküsschen und lässt sich von ihren Tänzern auf Händen tragen, den wohlproportionierten Körper straff gestreckt, den blonden Kopf im Nacken, „Te Quiero“ singend. Bei all dem bleibt Helene Fischer porentief rein und absolut jugendfrei. So wie dereinst Doris Day auf der Leinwand. Nur dass Day die Sommersprossen weg retuschiert werden mussten. Bei der Tochter russlanddeutscher Eltern aus dem sibirischen Krasnojarsk kein Thema.

Das Peinlichste, das dem zigmal preisgekrönten Star je auf der Bühne passiert ist, war ein BVB-Schal im Oktober 2014 in München. Aber den hatte ihr ein naiver Fan überreicht, der wohl als einziger überrascht war vom Pfeifkonzert der Bayern-Anhänger im Publikum. Sowas passt schlecht ins Leben von Miss Perfect. Wo Kontrolle alles ist. „Verplant und verpeilt, daneben gestylt, so komm ich mir manchmal vor“, singt sie in ihrem Hit „Fehlerfrei“. Wirkt sympathisch, trifft aber kein Stück auf sie zu. In Düsseldorf hat sie, wieder einmal, alles richtig gemacht. Und das mit dem globalen Ding? Wird auch noch klappen. Irgendwann. Nach der großen Sommersause.