Pop-Geiger David Garrett will zurück zur Klassik

David Garrett ist mit Crossover populär geworden und möchte jetzt wieder als seriöser Klassik-Künstler wahrgenommen werden.
David Garrett ist mit Crossover populär geworden und möchte jetzt wieder als seriöser Klassik-Künstler wahrgenommen werden.
Foto: rtr
Was wir bereits wissen
Der erfolgreiche Musiker veröffentlicht ein vergessenes Album aus seiner Teenager-Zeit. Darauf spielt sich der 14-Jährige durch die Kracher des Repertoires von Paganinis teuflisch schwerem „La campanella“ bis zu Schuberts gefühlvollem „Ave Maria“.

Hagen.. Die Geige ist das Symbol für Disziplin und Ehrgeiz schlechthin. Der Violinist muss üben, üben, üben. Stillstand bedeutet Rückschritt. In diesem gnadenlosen Kreislauf zerbrechen Biographien. So wie die des Wunderkindes David Garrett, der noch minderjährig den Drill nicht mehr ertragen konnte, den seine Eltern ihm aufzwangen.

Inzwischen erreicht Garrett als selbst erklärter Geigenrebell mit seiner Mischung aus Klassik und Pop ein Millionenpublikum. Jetzt will er auch wieder als seriöser klassischer Künstler wahrgenommen werden. Ein Testballon in diesem Imagewechsel ist die CD „14“ (Deutsche Grammophon), ein bislang unveröffentlichtes Album aus Garretts Teenagerzeit. Der erst 14-Jährige spielt sich hier durch die Kracher des Repertoires von Paganinis teuflisch schwerem „La campanella“ bis zu Schuberts gefühlvollem „Ave Maria“.

Jenseits der Geige herrscht Trostlosigkeit

Die Träume der Eltern scheinen sich zu erfüllen. Mit 14 hat David Christan Bongartz alias Garrett, am 4. September 1980 in Aachen als Sohn eines Juristen und einer amerikanischen Balletttänzerin geboren, einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon. Er spielt Mozart-Konzerte unter Claudio Abbado. Man bezeichnet ihn als größten Violinisten seiner Generation.

Interview Zwei Jahre später sind Garretts Bandscheiben kaputt. Niemand hat ihm die Übungen gezeigt, mit denen man die geigenbedingten Fehlhaltungen ausgleichen kann. Jenseits der Geige herrscht Trostlosigkeit. Der Junge hat keine Freunde, weil die Eltern ihn zu Privatunterricht verdonnern, er kommt kaum aus dem Haus, weil er acht Stunden am Tag üben muss, er darf wegen seiner Hände keinen Sport treiben, und die Eltern bestimmen sogar über seine Frisur und seine Kleidung.

Flucht nach New York

Die Eltern haben Flugangst. Mit 18 flieht Garrett also an die Juilliard School in New York, um noch einmal Geige seriös zu studieren. Dort stellt er fest, dass er nicht weiß, wie man einkauft, ein Konto eröffnet oder Leute kennenlernt. Nach dem Examen will ihn allerdings keiner mehr hören. Garrett verschwindet von der Bildfläche.

Seine Wiederauferstehung als Crossover-Marke ist kommerziell ein gigantischer Erfolg. Garrett gibt seinen Namen für Duschgel und Parfüm her. Sein jüngstes Album „Music“ verkauft sich wie warme Semmeln. Stefan Raab kündigt ihn im Fernsehen als „schönsten Geiger der Welt“ an.

Aber Garrett ist erst 32. Will er wirklich die nächsten 30 Jahre an einem Seil hängend durch ausverkaufte Riesenhallen schweben und Schmuseklassikpop geigen? Offensichtlich nicht, denn es ist die Rede von einem Brahms-Violinkonzert-Plattenprojekt mit Zubin Mehta.

Musikbranche verschleißt Wunderkinder im Akkord

Die Musikbranche ist süchtig nach Ausnahmebegabungen. Sie verschleißt Wunderkinder im Akkord. Daran hat sich seit Mozarts Zeiten nicht viel geändert. Als seriöse Künstler kommen nur wenige Wunderkinder auf Weltklasseniveau ins Erwachsenenalter. Anne-Sophie Mutter gehört dazu. Und die Geigerin Julia Fischer. Aber weil sie nicht einwilligt, ihr Privatleben vermarkten zu lassen, ist sie ein Star für Eingeweihte.

Ex-Wunderkind Midori dagegen ließ sich mit Mitte 20 zum ersten Mal Schlaftabletten verschreiben. Sie wurde über Nacht süchtig. Die Vorgeschichte: Eine ehrgeizige Mutter zwingt ihr Kind zum Üben. Das Kind funktioniert – bis es umkippt.

Ohne Optik keine Karriere

Es gibt Tausende von hervorragenden Instrumentalsolisten. Sie spielen sich durch die Sinfoniekonzerte dieser Welt. Reich und berühmt werden sie nicht. Stars macht man heute durch Fernsehpräsenz und Massenevents, dank derer sich wiederum Platten verkaufen lassen. Dazu muss ein Künstler längst mehr bieten als nur Hochbegabung. Ohne Optik keine Karriere.

Doch das Kalkül des Marktes geht nur dann auf, wenn die künstlerische Seite ebenfalls stimmt. Daher lässt sich zu David Garretts Album „14“ sagen, dass hier ein frühvollendeter Teenager erstaunlich virtuos extreme geigerische Herausforderungen meistert. Wenn Garrett zur Klassik zurückwechselt, muss er beweisen, dass seine Finger ihre Geläufigkeit nicht verloren haben, und noch mehr: dass er Technik mit Seelentiefe aufladen kann.