Literatur
Plagiats-Debatte Rutschpartie für „Wunderkind“ Hegemann
09.02.2010 | 18:28 Uhr 2010-02-09T18:28:00+0100
Essen.Autorin Helene Hegemann reklamiert für sich eine neue Art, mit geistigem Eigentum umzugehen. Sie hat unrecht. Die drei Gründe, warum die so souverän inszenierte Dreigroschenseifenoper dennoch zur Rutschpartie für das „Wunderkind“ wird.
„Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht, auch ich hab mir was herausgenommen.“ So schrieb einst Bert Brecht, des Abschreibens bei Francois Villon überführt. Heute nimmt sich die 17-jährige Helene Hegemann heraus, sich hineinzustellen in eine Tradition – in eine diffuse, linksdrehende Idee vom geistigen Gemeinschaftseigentum: „Das, was wir machen, ist eine Summierung aus den Dingen, die wir erleben, lesen, mitkriegen und träumen“, schreibt sie, „ich bin nur Untermieter in meinem eigenen Kopf.“ Clever! Warum die so souverän inszenierte Dreigroschenseifenoper dennoch zur Rutschpartie wird fürs „Wunderkind“, hat drei Gründe.
Rutschpartie für das Wunderkind
Erstens: Ja, der Bestohlene hat sich gar nicht beschwert und sein Verlag reagiert entspannt (im Wissen um den Werbegehalt des Wirbels): „Helene Hegemann hat ein gutes Buch geschrieben“, sagt Frank Maleu, Geschäftsführer des SuKuLTuR-Verlags: „Wir werden uns an der Hetze nicht beteiligen.“ Und doch laufen, natürlich, Gespräche mit Hegemanns Ullstein-Verlag: SuKuLTuR-Autor „Airen“ schrieb im Blog und im Buch „Strobo“ von Drogenexzessen rund um den Berliner Techno-Tempel „Berghain“ – in einer einfacheren, direkteren Sprache als später Hegemann. Dennoch ähneln viele der Schauplätze, Szenen und Sätze einander wie ein Rausch dem nächsten. Entdeckt wurde dies von Deef Pirmasens, beschrieben im Popkulturblog „Gefühlskonserve“. Offenbar also gibt es auch in diesem Jahrzehnt – das Hegemann gekennzeichnet sieht durch die „Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation“ – noch Blogger, die das anders sehen.
Zweitens: Ja, das Abschreiben hat Tradition. Bestsellerautoren wie Frank Schätzing und Dan Brown werden heutzutage (erfolglos) verklagt von Sachbuch-Schreibern, und selbst dieser Fall kam vor Gericht: J.K. Rowling soll die Idee „geklaut“ haben, dass Zauberer auf Besen reiten. Was zweierlei deutlich macht: In den Fokus geraten vor allem die Gutverkauften. Und: Neu ist fast nichts, siehe die alten Besen. Die Frage ist nur, ob man die Quelle einer Idee noch findet.
Egal wird die Frage natürlich, wenn die Quelle: Gott ist. So dachte man es sich im Hochmittelalter, erläutert der Zürcher Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn, der eine Kulturgeschichte des literarischen Plagiats schrieb: Wenn der Urheber jeden Wortes Gott ist, gibt es keine Originalität – und keine Autorennamen. „Auch in der Romantik waren Plagiate programmatisch. Bis ins 18. Jahrhundert hinein gab es die Vorstellung, dass der Autor die gesamten Rechte am Text an seinen Verleger verkauft, das änderte sich erst mit der Idee des Urheberrechts.“ Damit wäre Helene Hegemann gar nicht so modern – sondern ziemlich mittelalterlich.
Drittens: Aber natürlich, ja, geistiges Eigentum steht im digitalen Zeitalter erneut auf dem Prüfstand. „Das Plagiat ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen“, formuliert Theisohn: „Das Internet macht gemeinschaftliche Textproduktion transparent.“ Schon Schulaufgaben werden bei Wikipedia kopiert! „Hegemann ist ein Kind der Re-Mix-Kultur“, sagt Debora Weber-Wulff, Berliner Professorin und Plagiats-Expertin: „Sie nehmen, was sie wollen, und meinen, durch die Mischung entsteht etwas eigenes. Darüber müssen wir sprechen!“
Wo ein Kläger ist, da pocht ein heißes Herz auf sein Recht
Die US-Amerikanerin Kathy Acker, eine radikale Untergrund-Literatin, verteidigte „Plagiarismus“ als Kunstform (und wurde dennoch verklagt von Harold Robbins, der sich von ihr bestohlen sah). Im Gegensatz zu Acker aber erhebt Hegemann ihr plagiatorisches Vorgehen erst im Nachhinein zum Stilmittel. Sie hat aber kein intertextuelles Experiment, sondern einen klassischen Roman des Heranwachsens geschrieben – der sich von anderen nur dadurch unterscheidet, dass man mit ihrer Heldin nicht recht mitleiden mag. Am Ende wird sie diese fehlende Empathie noch absichtlich herbeigeschrieben haben wollen.
Können wir das Wunderkind damit – abschreiben? Vielleicht. Kein Happy End, nirgends? Doch. „Plagiats-Fälle zeigen, dass Literatur Leben ist, dass sie eine Seele hat“, sagt Philipp Theisohn. Wo ein Kläger ist, da pocht ein heißes Herz auf sein Recht.

13:18
Akin hätte gleich wieder seine Anwälte eingeschaltet.
Na immer hin erkennen Autorin und Verlag es zähneknirschend an. Da kann der Autor in einer unkomplizierten Verhandlung auch was für seinen Geldbeutel tun. Erfolg genug hat das Ding ja. Auf so etwas kann Alexander Wallasch nicht hoffen, denn als der Fatih Akin in einer privaten Email darauf hinwies, das sich selbiger für Soul KItchen ordentlich in Wallaschs Roman bedient hätte, schickte Akin sofort seine Anwälte mit einem Sperrfeuer von Unterlassungserklärungen und Einstweiligen Verfügungen. So massiv, das die sogar bei WELT und Hamburger Abendblatt landeten und deren BErichterstattung massiv beeinflussten. Das Abendblatt wurde soagr genötigt einen ganzen Artikel aus dem Netz zu nehmen. So gesehen geben Ulstein und Autorin hier ja noch eine gute Figur ab: Sind eben erwischt worden. und zeigen wenigstens jetzt Arsch. Da wird der beklaute Autor eben in einer kurzen Verhandlung ein paar Prozente abgreifen und alle sind zufreiden.
13:52
Laut Radio erklärte Helene Hegemann, ja, sie habe geklaut, aber sie fände es nicht so schlimm. Das hinterlässt mich etwas ratlos. Entscheiden nun die Diebe, ob ein Diebstahl nicht so schlimm ist?
13:02
Jemand der schreibt und publiziert müsste an sich ja wissen, was es so mit Urheberrecht und Eigentum auf sich hat...
Außerdem ist das Abschreiben ja schon in der Schule nicht erlaubt, ist ja nicht so lange her, dass sie eine Schülerin war, bzw noch ist, kp.
Ein wenig Grundwissen über Recht und Unrecht der Literatur kann ihr doch nicht ganz fremd sein.
Andererseits, klar, so oder so gibt es nicht, was es nicht schonmal gab, und die eine Fähigkeit eines guten Künstlers ist es, das, was es schon gibt perfekt zu machen.... aber so stumof abschreiben gehört da sicher nicht zu.
12:41
Helene Hegemann ist zweifellos sprachbegabt und talentiert, d.h. sie hat das Zeug, eine richtig gute Autorin zu werden. Dass sie stellenweise Wort für Wort die Texte anderer kopierte, zeugt nicht nur von jugendlichem Leichtsinn, sondern auch von einer extremen Unsicherheit. Offenbar traute sie sich auf zahlreichen Seiten überhaupt noch kein eigenständiges Arbeiten zu. Mein Eindruck ist, dass hier ein Teenager von der Erwartungshaltung seiner Umwelt einfach völlig überfordert war.
Es ist wirklich tragisch. Helene Hegemann wird es schwer haben, in Zukunft ernstgenommen zu werden. Ich wünsche ihr, dass sie den ganzen Hype jetzt gut verkraftet und uns noch viele interessante Bücher beschert.
08:49
Sind wir solche Ergebnisse nicht selber schuld? Jeder, der nur 3 Sätze fehlerfrei aneinanderreiht, wird heute als neues Talent der schreibenden Zunft hochgejubelt, ohne je wirklich etwas geleistet zu haben. Erst danach schalten wir den Verstand ein und prüfen kritisch!
03:12
Das Buch ist gut, das Maedchen nicht.
Um nun der Gerechtigkeit Genuege zu tun, aber auch im Interesse ihrer versteckten Gesellschaftskritik, sollte Familie Hegemann sich bereit erklaeren, auf Einnahmen - unabhaengig in welcher Form - zu verzichten und diese im Interesse der Allgemeinheit wohltaetigen Zwecken zuzufuehren.
Und mal Klartext: es ist heute ein Leichtes, sich hinter schwulstigen Wortphrasen zu verstecken, die den Anschein erwecken, eine 17 Jaehrige sei ueberdurchschnittlich intellektuell. Bei genauer Betrachtung ihrer Aussagen komme ich allerdings nicht umhin festzustellen: sie wirft mit einem Kauderwelsch um sich, jenes sie vielleicht als cool empfindet aber welches nur eine Aneinanderreihung nicht alltagstauglicher Worte ist (hoere das podcast Kuechenstudio auf iTunes) und deren Bedeutung im Zusammenhang sie selbst nicht zu verstehen scheint....von denen sie allerdings weiss, dass sie jederzeit interpretierbar oder im Nachhinein als falsch verstanden dargestellt werden koennen. Oder kann sie mir mal genauer erklaeren, was nun eigentlich Untermieter in meinem eigenen Kopf bedeuten soll?
01:31
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22:49
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22:41
Sehr geehrte Frau Hegemann,
leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir über den bereits gezahlten Vorschuss hinaus keine Tantiemenzahlung leisten können. Ihr Buch wurde aufgrund der aktuellen Ablösungstendenz vom bisherigen Urheberrechtsexzess völlig frei als eBook im Internet verbreitet, so dass ein Verkaufserlös entfällt. Wir danken für Ihr Verständnis.
Mfg
Dr. Siv Bublitz
Ullstein Buchverlage GmbH
21:36
Wenn die wenigstens hübsch wäre, aber so geht das überhaupt nicht.