Pilsen ist Europas Kulturhauptstadt 2015

Ein Mitglied der „Ngati Ranana“ vor einem Maori-Porträt des in Pilsen geborenen Malers  Gottfried Lindauer. Von Berlin aus, wo dieses Foto enstand, wandert die Ausstellung nun in Lindauers Geburtsstadt.
Ein Mitglied der „Ngati Ranana“ vor einem Maori-Porträt des in Pilsen geborenen Malers Gottfried Lindauer. Von Berlin aus, wo dieses Foto enstand, wandert die Ausstellung nun in Lindauers Geburtsstadt.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
Bier kann lange Schatten werfen - wer denkt bei Pilsen nicht an die Brauart? Als Kulturhauptstadt 2015 will die Stadt in Tschechien aber noch viel mehr zeigen.

Pilsen.. Einen kleinen Vorgeschmack hat es in Pilsen schon auf ein Jahr Kulturhauptstadt Europas gegeben: Wie ein Ufo landete ein französisches Kinder-Karussell auf dem größten Platz der tschechischen Industriestadt. Der „Manège Carré Sénart“ erinnert mit seinen Karussell-Figuren von Heuschrecken, Käfern und Büffeln an einen grotesken Kafka-Roman.

Die Idee, diese Fantasiewelt der Schausteller für mehrere Wochen nach Pilsen zu holen, hatte Petr Forman. Der künstlerische Leiter des Kulturhauptstadt-Projekts ist einer der Söhne von Hollywood-Regisseur Milos Forman. „Das Karussell bewegt sich an der Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung“, erklärt er seine Absicht.

Forman will auch diejenigen Bewohner und Besucher Pilsens für das Kulturhauptstadtjahr 2015 begeistern, die ansonsten eher nicht ins Theater oder Museum gehen. Bei der Eröffnungszeremonie am 17. Januar wird der Schweizer Seiltänzer David Dimitri auf einem Hochseil über den zentralen Platz der Republik laufen. Dazu gibt es ein Videoprojekt. Mehr will Programmchef Forman noch nicht verraten. „Es soll eine Überraschung sein“, sagt er. Das ganze Jahr über wird alle zwei Monate eine neue Zirkuskompanie Station machen.

An Bier führt kein Weg vorbei

Doch wer Pilsen sagt, denkt weniger an Schauspiel oder Kultur als an Bier. „Da führt kein Weg dran vorbei“, räumt Forman ein. Die Menschen in Pilsen seien stolz auf ihre Stadt – und auf das hier erfundene Pils. „Es ist ein Phänomen für sich“, lobt der Kulturchef die örtliche Bierkultur. Unter der Stadt habe er die kilometerlangen Gänge besichtigt, in denen früher das „flüssige Gold“ gelagert wurde.

Kulturhauptstadt Eigentlich war der Plan, eine ganze Kulturfabrik auf dem Gelände der Brauerei-Ruine Svetovar entstehen zu lassen. Sie hätte Braukunst und Kultur symbolisch miteinander verbunden. Doch Probleme mit gesundheitsgefährdenden Baustoffen durchkreuzten völlig unerwartet die Sanierungspläne.

Unterschlupf für Künstler in Verkehrsbetrieben

Die Künstler mussten schnell eine neue Bleibe suchen – und fanden sie in einer ehemaligen Trolleybus-Halle der Verkehrsbetriebe. „Diese Halle hat noch stärker diesen industriellen Charakter, der interessant ist“, sagt Forman. Sie bietet Platz für Workshops und Gastkünstler aus ganz Europa.

Der Ausstellungshöhepunkt des Jahres ist mit einem ganz besonderen Ritual verbunden: Der Maler Gottfried Lindauer (1839-1926) war nach einer akademischen Ausbildung in Wien nach Neuseeland ausgewandert. Dort schuf er einzigartige, außergewöhnlich realistische Porträts der Maori-Ureinwohner. Die Gemälde – zuvor in Berlin ausgestellt – sind erstmals in der Geburtsstadt Lindauers zu sehen. Doch zunächst müssen Maoris die Ausstellungsräume noch mit Tänzen und rituellen Gesängen segnen. „Denn für sie ist jedes Gemälde mehr als nur ein Abbild eines Gesichts“, sagt Petr Forman. Es gelte als Ausdruck der Seele des Verstorbenen.

„Der brave Soldat Schwejk“

Eine weitere Ausstellung ist dem ebenfalls in Pilsen geborenen Animationskünstler Jiri Trnka (1912-1969) gewidmet. „Er war einer der ganz Großen des Puppentrickfilms“, meint Forman. Trnka arbeitete fast ausschließlich mit Handpuppen und verfilmte so etwa Jaroslav Haseks Roman „Der brave Soldat Schwejk“.

Die einst rußgeschwärzte Industriestadt hat sich herausgeputzt. Am Renaissance-Rathaus glänzt das Stadttier, aus unerfindlichen Gründen ein Kamel. Die Große Synagoge mit ihren roten Zwiebeltürmen im maurisch-romanischen Stil kann wieder besichtigt werden. Und die gotische Bartholomäus-Kathedrale bekommt in diesen Tagen Ersatz für ihre im Krieg eingeschmolzenen Glocken.

US-Südstaatenband spielt auf

Richtige Volksfeststimmung wird am 1. Mai aufkommen, wenn die Stadt die Befreiung von den Nazis durch die US-Armee unter General Patton feiert. Erst später wurde Pilsen den Sowjets übergeben. Zum Jahrestag wird die US-Südstaatenband Lynyrd Skynyrd „Sweet Home Alabama“ singen – ein Geschenk des Fußballvereins Viktoria an die Stadt. Auch das ist ein Stück Pilsener Alltagskultur.