Pianist Marc-André Hamelin überzeugt in der Stadthalle Mülheim

Klavier-Festival Ruhr 2015: Der kanadische Pianist und Komponist Marc-André Hamelin beim Konzert in der Stadthalle Mülheim.
Klavier-Festival Ruhr 2015: Der kanadische Pianist und Komponist Marc-André Hamelin beim Konzert in der Stadthalle Mülheim.
Foto: Peter Wieler
Was wir bereits wissen
Der Kanadier Marc-André Hamelin wurde nach seinem Auftritt in Mülheim mit Standing Ovations gefeiert. Die Zuschauer erlebten eine wohldurchdachte Vorstellung.

Mülheim.. Dem kanadischen Pianisten Marc-André Hamelin werden in der Presse geradezu übernatürliche Kräfte zugeschrieben, wovon der zurückhaltende Musiker mit Recht nichts wissen will. Dass er in seinem Spiel manuelle Perfektion, Ausdruckskraft und gestalterische Reflektion in außergewöhnlicher Ausgewogenheit zu einer Einheit verschmelzen kann, davon konnten sich die Besucher des Klavier-Festivals Ruhr in den letzten Jahren bereits elf Mal überzeugen. Und auch bei seinem 12. Auftritt, diesmal in der voll besetzten Mülheimer Stadthalle, enttäuschte er nicht.

Schlagwort vom „Über-Virtuosen“

Das nur unzureichend zutreffende Schlagwort vom „Über-Virtuosen“ traf dabei allenfalls in einer raffiniert-fantasievollen Eigenkomposition zu, in einer mit technischen und musikalischen Tücken gespickten Variationsfolge über Paganinis „Campanella“-Thema, geschrieben für Kandidaten des ARD-Wettbewerbs.

Jazz-Echo Ansonsten nutzt Hamelin seine immensen spieltechnischen Fähigkeiten, um seine durchdachten Vorstellungen immer verfeinerter zum Ausdruck bringen zu können. Das gipfelte in Mülheim in einer phänomenalen Interpretation von Schuberts letzter Sonate in B-Dur, dieser breit angelegten Offenbarung, die in ihrer Stimmungsvielfalt und ihren formalen Verläufen nicht den Virtuosen, sondern einen fühlenden und denkenden Musiker fordert. Hamelin legt bei durchgängig moderaten Tempi einen zarten melancholischen Schleier über alle vier Sätze, ohne sich in Trübsinn oder sentimentalen Entgleisungen zu verlieren.

Faszinierend fahle oder silbrig leuchtende Farben

Wenn Schubert die melodischen Linien ins Stocken geraten oder gar abreißen lässt, wenn er die Zeit anzuhalten scheint, spielt Hamelin die Brüche intensiv aus, ohne den strukturellen Zusammenhalt der riesigen Sätze zu gefährden. Immer wieder überrascht er mit feinen Anschlagsnuancen und entlockt dem Flügel faszinierend fahle oder silbrig leuchtende Farben. Das alles verbunden mit einem differenzierten, aber niemals exaltierten Gespür für dynamische Kontraste und Entwicklungen. Eine Schubert-Interpretation, die den enormen gestalterischen Problemen des Sonaten-Wunders in jeder Facette gerecht wird.

Brillante Anschlagstechnik

Mit stoischer Ruhe nutzt Hamelin seine brillante Anschlagstechnik in den drei porzellanhaft zerbrechlichen Images des 2. Hefts von Claude Debussy, womit er sich auf Augenhöhe mit Debussy-Legenden wie Benedetti Michelangeli bewegt.

Zum Auftakt gab es eine im äußeren Aufriss kraftvoll angegangene, im Detail filigran ausgearbeitete Mozart-Sonate, und zwar die reife und kompositionstechnisch besonders kunstvolle Sonate in D-Dur KV 576.

Und zum Schluss gab es Standing Ovations für einen Musiker der besonderen Art.