Philby - ein Meisterspion, in einem Meisterkrimi
31.10.2012 | 19:29 Uhr 2012-10-31T19:29:00+0100
Essen. Robert Littell, der US-Veteran des Agententhrillers, spinnt die Legenden um DEN britisch-russischen Spion des 20. Jahrhunderts weiter – er lässt in „Philby“ die Gefährten des illustren Überläufers über ihren Freund sinnieren. Und schließlich sogar „Väterchen“ Stalin. War Philby womöglich sogar Dreifach-Agent?
Er war DER Spion des 20. Jahrhunderts, wegen seiner Effizienz, wegen der Inszenierung: Ein Sohn der englischen Oberklasse, Elitestudent in Cambridge, Journalist, beim britischen Geheimdienst 1944/45 Chef der „antisowjetischen Abteilung“ – und seit 1931 sowjetischer Spion. Erst nach 32 Jahren lässt ein Überläufer seine Tarnung auffliegen.
Am 23. Januar 1963 klettert Harold Philby, Nahostkorrespondent des Londoner „Observer“, im Hafen von Beirut an Bord des russischen Frachters Dolmatowa, der ihn ins Heimatland aller Werktätigen schippert. Dort verbringt der „Held der Sowjetunion“ seinen Lebensabend unter Aufsicht seiner neuen, vierten Frau Rufina, auch sie vom KGB. Kurz bevor sich die UdSSR selbst abschafft, legt sie noch eine Philby-Sondermarke auf: Der Meisterspion ist 5 Kopeken wert.
„Wahrheit“ unter einem Netz von Legenden verborgen
An der Philby-Saga haben bis heute Dutzende von Historikern, Journalisten, Romanciers (die besten ihres Fachs: Graham Greene, John le Carré) und Regisseure mitgeschrieben. Längst ist die historische „Wahrheit“ unter einem Netz von Legenden verborgen. Das hat „Kim“ Philby, wie seine Freunde ihn nannten, mit einem Heiligen des Mittelalters gemeinsam. Insofern ist es raffiniert, dass Robert Littell, ein US-Veteran des Agententhrillers, in seinem Büchlein die Widersprüche noch vermehrt. Der Untertitel „Porträt des Spions als junger Mann“ signalisiert, dass es um das geht, was hätte sein können.
Wonnen der Sexualität in Wien
Wir sollen uns das aus den Monologen zusammenreimen, in denen Philbys Gefährten (aber nie er selbst) zu Wort kommen, beginnend mit Vater Philby, ein Abenteurer, oder „Litzi“ Friedmann, die den jungen Harold in Wien in die Wonnen der Sexualität und die Zwänge der KP einführt. Dann hören wir spionierende Freunde aus Cambridge und Führungsoffiziere aus Moskau (die seinetwegen alle buchstäblich den Kopf verlieren); und zum Schluss sogar Väterchen Stalin auf seiner Wochenend-Datsche.
Düsterer Lesespaß
Das ist natürlich düster, aber auch ein Lesespaß – zumal Mr. Littell uns eine besonders kühne These suggeriert: Was, wenn Kim Philby eben kein Doppel-, sondern ein Dreifachagent gewesen wäre und in Wirklichkeit, wie Bond, James Bond, im Herzen immer nur On Her Majesty’s Secret Service gedient hätte? (Robert Littell: Philby. Porträt des Spions als junger Mann. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Arche, 288 S., 19,95 €.)
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