Philadelphia Orchestra büßt seinen Nimbus ein

Dortmund..  Über die fünf großen amerikanischen Spitzenorchester („The Big Five“) wird in Europa stets mit Ehrfurcht geredet. So verdoppelte sich das Interesse, als jetzt das Philadelphia Orchestra im Dortmunder Konzerthaus mit Dirigent Yannick Nézet-Séguin antrat, Exklusivkünstler seit 2013 und ein Publikumsliebling, dessen Enthusiasmus überaus ansteckend wirkt.

Yannick, wie er in Dortmund etwas kumpelhaft genannt wird, hat mit der Zeit seine Körpersprache domestiziert. Er dirigiert präzise und wirkt dabei vor allem ernst. Seine jugendlichen, bilderstürmerischen, ja vulkanischen Ausbrüche scheinen passé. Trotzdem ist noch jede Menge Energie zu spüren, und darin eifert das Orchester seinem Chef nach. Die Amerikaner spielen Brahms’ 3. Sinfonie oder Richard Strauss’ „Rosenkavalier“-Suite, als gelte es, krachende Höhepunkte zu zelebrieren.

Die Musik dazwischen, zumal bei Brahms, fließt wie ein träger, dunkler Malstrom daher, Nebenstimmen werden gnadenlos eingesogen. Tänzerische, lichte Momente lassen Eleganz vermissen. Der Streicherkorpus fällt durch schwelgerische, teils aber auch ruppige Expressivität auf. Die Holzbläser wirken bisweilen verloren. Und wenn das Blech zur Sache kommt, klingt alles wie künstlich aufgebläht. So kann auch die Strauss’sche „Rosenkavalier“-Seligkeit niemals die Himmel berühren. Und die derb-fröhliche Welt des Ochs hat keinerlei Wiener Schmäh, nähert sich im Finale vielmehr krachender Oktoberfestmonstrosität.

Wie schön, dass der Pianist Emanuel Ax dem 3. Klavierkonzert Beethovens klassisches Gleichmaß verordnet, dabei feinsinnig und uneitel, mit Witz und Geschmack zu Werke geht. Das Philadelphia Orchestra aber, 1900 von dem Deutschen Fritz Scheel begründet, hat in Dortmund ein wenig von seinem Nimbus eingebüßt.