Peter Zadek brach mit vertrockneten Konventionen
31.07.2009 | 15:44 Uhr 2009-07-31T15:44:00+0200
Essen. Er war Theater-Rebell, das „Enfant terrible“ der 70er Jahre und zum Schluss der Übervater der Theater-Szene: Peter Zadek. Während seiner Intendanz am Bochumer Schauspielhaus hat er Abonnenten gegen sich aufgebracht und das junge Publikum begeistert. Germanist Uwe-K. Ketelsen weiß, warum.
Was hat Peter Zadek für Bochum, für das Bochumer Schauspielhaus bedeutet?
Uwe K. Ketelsen: Ohne den Bochumern, die ja manchmal ein sehr herzliches Verhältnis zu ihrem Theater entwickeln, zu Nahe treten zu wollen: In der Zeit von Hans Schalla, also in der Zeit des Vorgängers Peter Zadeks, war das Theater doch sehr versandet und ist bewegungslos geworden. Zadek brachte nicht nur neuen Wind ins Bochumer Theater, er brachte überhaupt die Bestrebungen innerhalb des Theater-Systems seit den späten 60ern, frühen 70ern nach Bochum. Ich denke, dass ist aus der Lokalperspektive sein größter Verdienst.
Wie hat sich das ausgewirkt?
Ketelsen: Auf mehreren Ebenen. Er kam nicht nur als Regisseur und Theaterleiter, sondern auch als Intendant nach Bochum. Er hat das System völlig umgekrempelt. Weg vom alten, traditionellen, gutbürgerlichen Abonnenten-System hin zu diesem Rabatt-System, was es ja heute auch noch gibt. Das ist für ein Theater eine ungeheure Umstellung, weil es unsicher macht und die Produktion immer nach dem Publikumsgeschmack eingerichtet werden muss. Es nützt ja nichts, wenn man eine tolle Inszenierung hat und kein Mensch kommt mehr. Umgekehrt müssen Stücke, die ankommen, länger gespielt werden, als man das überhaupt will.
Und auf der künstlerischen Ebene?
Ketelsen: Zadek hatte ein ganz anderes Konzept von Theater, nicht nur, was Bochum anbelangte. Theaterkritiker Peter Iden hat ja mal am Ende der Bochumer Zadek-Ära gesagt, es gebe nur zwei nennenswerte Theater in Deutschland: Das Hallesche Ufer in Berlin mit Peter Stein und das Zadek’sche in Bochum. Und so war es wohl auch. Zadek machte Regietheater oder sogar Selbst-Schauspieler-Theater. Weg vom vorgeschriebenen Text, den die Schauspieler nur nachspielten, weg vom festen Bühnenbild, weg von der Bühnenillusion – hin zu einem Körpertheater. Das war ganz ungeheuerlich. Etwa mit Ulrich Wildgruber, der in Bochum den Hamlet gab. Das war mehr als nur eine Revolution in Bochum, das war etwas völlig Neues nach den doch sehr geruhsamen 50er/ 60er Jahren im Deutschen Theater.
Was genau war denn daran anders?
Ketelsen: Dass der Schauspieler da nicht mehr als Herr Hamlet auftauchte, es tauchte Herr Wildgruber auf, der seinen eigenen Körper spielte und nicht so tat, als sei er dieser Herrscher. Oder später als Othello in Hamburg: Da wurde er schwarz angestrichen, färbte sogar ab und wurde dann mit diesem massigen Körper über eine Wäscheleine gehängt. Das ist eine ganz andere Auffassung vom Theater als die Tradition des bürgerlichen Schauspiels vom 19. ins 20. Jahrhundert hinein. Das ist eine ganz andere Konzeption gewesen, die das Theater in Bochum berühmt gemacht hat – mit Recht, würde ich sagen.
Sie sind emeritierter Germanistik-Professor und schildern die Szenen sehr lebhaft. Waren Sie selbst bei den Inszenierungen dabei?
Ketelsen: Zadek war ja mit 46 Jahren noch relativ jung, als er als Intendant nach Bochum kam. Ich war etwas über 30. Da hatte man noch eine ganz andere Begeisterung. Ich hab das erlebt als ein Aufbrechen sehr vertrockneter Theaterkonventionen, die einem zuvor das Interesse am Theater verleidet hatten. Ich war gar nicht mehr oft hingegangen, weil ich alles schon kannte. Bei Zadek brach etwas auf – das war eine ungeheure Energie, die er bei seinen Schauspielern und beim Publikum freisetzte. Das Publikum war ja auch durchaus nicht begeistert. Im Gegenteil: Zadek hatte ja unglaubliche Schwierigkeiten und ist eigentlich auch nicht lange in Bochum geblieben. Nach knapp drei Jahren kam dieses so genannte Direktorium und diese so genannte intendantenlose Zeit. Bis dann mit Peymann wieder Ordnung einkehrte. (lacht)
Das Bochumer Schauspielhaus hat also von Zadek profitiert. Was hat Bochum Peter Zadek gegeben?
Ketelsen: Bochum hat ihm einfach ein großes Haus geboten und Spielräume. Er hatte schlicht und ergreifend das Geld, um Schauspieler anzuheuern. Das war in den 60er/70er Jahren nicht selbstverständlich. Wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten Peter Stein zeitgleich hatte, der sich dann selbst ein eigenes Theater baute. Das hat Bochum ihm gegeben. Er hat es sich aber auch genommen. Die Bochumer haben gar nicht gewusst, wen sie sich da herholten, sie hatten auch nicht die großen Spendier-Hosen an, aber sie haben es immerhin gemacht. Das ist doch ein Verdienst. Das Publikum organisierte sich um, das alte Abonnemence-Publikum verschwand. Es entstand ein ganz neues, junges Publikum. Wovon sein Nachfolger Claus Peymann dann sicherlich auch profitierte.
Was bedeutet der Tod von Peter Zadek für das heutige Theater?
Ketelsen: Wenn man bedenkt, dass auch Theatermacher Traugott Buhre gerade gestorben ist, dann geht sozusagen gerade sichtbar eine Periode des Theaters zu Ende. In der Realität war das schon lange vorbei, denke ich. Sie waren ja eher die Alten, die Überväter. Am ehesten geht ein Stück Erinnerung verloren.
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