Peter Grimes: Jeder kann jederzeit zum Außenseiter werden
29.01.2009 | 07:13 Uhr 2009-01-29T07:13:00+0100
Gelsenkirchen. Peter Grimes ist unter uns. Er sitzt in der dritten Reihe des Opernhauses, verfolgt wie wir das Gerichtsverfahren auf der Bühne, in dem der Tod seines Lehrjungen untersucht wird. Tablettensucht und heimliche Begierden lauern hinter der vermeintlich anständigen Fassade der Dorfgemeinde
Das Drama um den Titelhelden von Benjamin Brittens gleichnamiger Oper rückt uns in der Gelsenkirchener Neuproduktion bedrängend nahe. Jeder kann jederzeit zum Außenseiter werden: Diese verstörende Botschaft trägt Elisabeth Stöppler weit über den Bühnenrand hinaus. Die 1977 geborene Regisseurin, die bei Götz Friedrich und Peter Konwitschny lernte und bereits Johannes Schaaf und Stefan Herheim assistierte, führt alle Figuren an ihren inneren Abgrund.
Tablettensucht, Prostitution und heimliche Begierden lauern hinter der vermeintlich anständigen Fassade der Dorfgemeinde. Die toten Knaben, die in Filmsequenzen wie Geister durchs Wasser spuken, faszinieren den eifernden Methodistenpfarrer Boles auf finstere Weise (herrlich verkniffen: William Saetre).
Expressive, atmosphärisch dichte Klänge
Einem unaufgeräumten Vereinslokal gleicht die Bühne von Kathrin-Susann Brose. Dieser abstrakte Raum wird zum Boot, wenn die vor dem Sturm Schutz suchende Dorfgemeinschaft sich zusammendrängt. Synchron zu den Naturgewalten verschmilzt die Regie die Chöre zu einer blind wütenden Masse, die von unsichtbaren Kräften hin und her geworfen wird. Dirigent Rasmus Baumann hält das Geschehen sicher zusammen und entlockt der Neuen Philharmonie Westfalen eine überraschende Farbenvielfalt. Mag das Orchester der Sturmmusik auch nicht gänzlich gewachsen sein: Die Musiker lassen sich von Baumann zu erstaunlich expressiven, atmosphärisch dichten Klängen animieren. Auch Chor und Extrachor des Theaters laufen zu Hochform auf: schmallippig zischend, hasserfüllt tuschelnd und schließlich nach Vergeltung brüllend (Einstudierung: Christian Jeub). Zum Pogrom geht es in Partylaune.
In dieser Masse findet der Einzelne keinen Schutz. Mit feinem Gespür arbeitet Elisabeth Stöppler heraus, wie einsam und oft auch elend jeder sein Schicksal erträgt. Kapitän Balstrode, den Thomas Möves als verschrobene Figur mit teils unklar fokussiertem Bariton gibt, versucht Grimes zu helfen, ohne den schlimmen Gang der Dinge aufhalten zu können. Die Lehrerin Ellen Orford, eine mitfühlende und enttäuschte Seele, wird durch ihre Zuneigung zu Grimes erpressbar (zunehmend aufblühend: Majken Bjerno).
Jan Vacík, der die Titelpartie von Brittens Opernerstling bereits zum neunten Mal singt, gibt Grimes einen Tenor voller Kraft und schillernder Brüche, in dem oft ungläubiges Staunen mitzuschwingen scheint. Er ist ein massiges Raubein, das von einem besseren Leben träumt, aber an seiner unbeherrschten Natur scheitert. Als der Sündenbock schließlich den Freitod wählt, kehrt im Dorf wieder Ruhe ein. Wie trügerisch sie ist, wissen wir jetzt.
Termine:
- 30. Januar, 8.und 14. Februar, 5. und 7. März
- Karten: 0209 / 40 97 200.
- www.musiktheater-im-revier.de
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