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Paul Austers „Sunset Park“ spielt im Land der letzten Dinge

22.07.2012 | 16:55 Uhr
Paul Austers „Sunset Park“ spielt im Land der letzten Dinge
Paul Auster bei einer Lesung im Jahr 2008. Mit „Sunset Park“ hat der US-Schriftsteller jetzt ein ungewöhnlich politisches Buch vorgelegt.Foto: Getty

Essen.  Im Land der letzten Dinge: Paul Austers Roman „Sunset Park“ erzählt von der Perspektivlosigkeit der amerikanischen Jugend. Das Werk kommt ungewöhnlich politisch und ungewöhnlich zeitgenössisch daher. Austers Roman mag stellenweise thesenhaft und arg düster sein. Die Realität aber trifft er doch.

In Sunset Park, einem Teil Brooklyns, sind die Häuser heruntergekommen, marode, und ihre Bewohner zumeist Einwanderer aus allen Teilen der Welt. Vier junge Amerikaner aber finden hier eine Heimat auf Zeit. Im Krisenjahr 2008 besetzen sie ein Haus: Bing Nathan, wütend polternder Kopf der Gruppe, betreibt eine „Klinik für kaputte Dinge“, in der er alte Schreibmaschinen, Plattenspieler und andere nahezu verschwundene Dinge repariert – und damit nicht genug Geld für seine Miete verdient. In ähnlich existenziellen Nöten ist Alice Bergstrom, die an ihrer Dissertation schreibt.

Ellen Brice, Immobilienmaklerin (und Malerin), hat eine verzweifelte Abtreibung noch immer nicht verwunden; sie hatte das leer stehende Haus entdeckt. Schließlich ist da Miles Heller, eigentlicher Protagonist in Paul Austers Roman „Sunset Park“. Er arbeitete in Kalifornien als Entrümpler von Häusern, die ihre überschuldeten Eigentümer hastig verließen, als er sich in die erst 17-jährige Pilar verliebte – und ihre Schwester drohte, die Polizei einzuschalten.

Ungewöhnlich politisch, ungewöhnlich zeitgenössisch kommt Austers neues Werk daher – das er, ebenfalls ungewöhnlich, aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Die Haltlosigkeit der Jugend, ihre Existenznöte, ihre auch sexuelle Orientierungslosigkeit sind ein Fokus, zugleich aber der Eingang zu einem Gedankengebäude um größere Fragen: Schuld, Schicksal, Zufall, Erinnern und Vergessen. Miles Heller stieß einst seinen Stiefbruder Bobby auf eine Straße, hatte er gehört, dass da ein Auto kam?

Ein Roman über eine Welt, die verschwindet

Nach Bobbys Unfalltod bricht Miles den Kontakt zu seinen Eltern ab: Miles’ Mutter Mary-Lee Swann ist eine eher labile Schauspielerin, die einst ihren kleinen Sohn bei seinem Vater zurückließ. Dieser, der Verleger Morris Heller, dient Auster vor allem dazu, die Krise des Buchmarktes zu geißeln – sowie die Mühen aufzuzeigen, eine langjährige (zweite) Ehe vor dem Verfall zu bewahren. Selbst die Großeltern-Generation der strauchelnden US-Jugend spielt eine Rolle, im wahrsten Sinne: Alle Protagonisten stolpern über William Wylers Oscar-Abräumer von 1947, „Die besten Jahre unseres Lebens“, der von der Desorientierung heimkehrender US-Soldaten erzählt.

Und befindet sich Amerika nicht erneut in einer Art Krieg mit sich selbst? Austers Roman über eine Welt, die verschwindet, eine Welt, in der Menschen ihre Häuser, ihre Existenz, ihr Hab und Gut verlieren, mag stellenweise thesenhaft und arg düster daherkommen. Die Realität aber trifft er doch. Als Auster in nur fünf Monaten den Roman fertiggestellt hatte, ging er erneut in Sunset Park spazieren: Das Haus, das er zum Schauplatz erkoren hatte – war abgerissen.

Paul Auster: Sunset Park. Rowohlt, 320 S., 19,95 €

Britta Heidemann

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