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Ostwall im Dortmunder U erinnert an die Fluxus-Bewegung

23.08.2012 | 19:26 Uhr
Das Museum im Dortmunder U-Turm zeigt: „Kunst für Alle“ – ein Rückblickauf jene Fluxus-Bewegung.Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund.   Das Museum im Dortmunder U-Turm zeigt: „Kunst für Alle“ – ein Rückblickauf jene Fluxus-Bewegung, die vor 50 Jahren nach Deutschland schwappte: Kunst in Kisten, Kunst, die mit Witz und Ironie den Weihrauch der Sinnstiftung fortblies.

Die Fluxus-Kunst, die 1962 nach Deutschland schwappte, war eine frühe Revolte gegen die verkrustete Nachkriegszeit. Alles Erstarrte sollte das Fließen lernen. Happenings, Aktionen, Konzerte zeigten, wie Veränderung vor sich geht. Fluxus hätte die Kunst der ‘68er-Bewegung sein können. Aber die stillte ihren Durst nach Erneuerung lieber im konsumfreundlichen Fundus der amerikanischen Popkultur. Ganz so revolutionär, wie manche damals taten, sollte der Alltag dann doch nicht sein.

Im September vor 50 Jahren erlebte Wiesbaden das erste deutsche Fluxus-Festival, dann wurden Düsseldorf, Köln und Wuppertal zu Schauplätzen der Bewegung. Beuys, Nam June Paik, John Cage: Alles Ikonen, die der Fluxus-Kunst entsprangen. Ihre vorläufig letzte Großtat war Christoph Schlingensiefs „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, die er für die Ruhrtriennale 2008 im Duisburger Landschaftspark in Szene setzte.

Fluxus war ein Befreiungskampf

Fluxus griff den alten Dadaismus-Strom auf, den das „Dritte Reich“ jäh gestoppt hatte; es war ein Befreiungskampf, weg von der Heils-Erwartung, ausgerechnet Kunst könne sinnstiftend sein für den nach zwei mörderischen Weltkriegen wie gottverlassen dastehenden „unbehausten Menschen“.

Dortmunds Westen aus der Luft

Wie lustig, schelmisch, ironisch Fluxus der Kunst den Ernst austrieb, zeigt das Ostwall-Museum ab morgen mit der Ausstellung „Kunst für Alle!“ im Dortmunder U-Turm. Ein tiefsinniger Gag wie Robert Fillious Würfel mit lauter Einsen ist ebenso dabei wie sein Besen mit Putzeimer, an dem ein Schild behauptet: „Bin in 10 Minuten zurück. Mona Lisa“. Der frisch gebackenen Professor Joseph Beuys gab seine neue Adresse mit „Staatlich ruinierte Kunstakademie, Eiskellerstraße 1, 4 Düsseldorf“ an. Daniel Spoerri baute seinen Wirtschaftswunderglauben-Protest „Tischlein Deck Dich“ aus lauter Attrappen zusammen, von der Gauloises-Packung bis zur ausgetrunkenen Kaffeetasse.

Fluxus wurde mit der Zeit immer politischer, das ist an Wolf Vostells Werken abzulesen, dessen Lutscher werfender B 52-Bomber von 1968 zur ständigen Ausstellung des Museums gehört. Seine Kiste mit „310 verrückten Ideen“ würde man am liebsten durchblättern – aber sie steht in einer Vitrine, nur ein paar Karteikarten sind aufgeblättert.

Die Ausstellung stapelt hoch und tief zugleich

Es ist paradox, die so sehr auf den Augenblick und sein Weiterspinnen gerichtete Fluxus-Kunst wie einen aufgespießten Schmetterling zu präsentieren. Manche Happening-Hinterlassenschaft unter den über 300 Ostwall-Ausstellungsstücken mutet gar wie eine Kunst-Reliquie an. Doch die Ausstellung stapelt hoch und tief zugleich, sie arbeitet mit Schaukästen, die wie Transportkisten gebaut sind. Darin steckt die Idee der Bewegung.

Inspiriert von John Cage

Das „Stille Stück 4’33’’“ von John Cage, bei dem vier Minuten und 33 Sekunden lang kein einziger Ton gespielt wird, hat neue Video-Kunst angeregt: Die zeigt der Medienkunstverein Hartware im U-Turm parallel zur Fluxus-Schau des Ostwall-Museums. Titel: „Sounds Like Silence“.

Eintritt: 5 €, erm. 2,50€, Kombi-Ticket mit Ostwall-Museum: 8 €, erm. 4 €.

Und mit Wolf Vostells Rauminstallation „Umgraben“ hat man gar den Fluxus-Geist in die Gegenwart geholt: Was bei Vostell 1970 eine Aktion auf Feldern vor Bremen war, besteht nun aus einem Riesen-Sandkasten, der mit brauner Erde gefüllt ist – hier dürfen die Besucher nicht nur selber Hand anlegen und die ungeheuer meditative Erfahrung des Buddelns machen, sie erzeugen dabei auch noch einen Zufallssound. Gummistiefel und Spaten stehen parat.

Remscheid war ein Fluxus-Zentrum

„Umgraben“ gehört zu den Schenkungen, Dauerleihgaben und Verkäufen, die gerade die ansehnliche Fluxus-Sammlung des Ostwall-Museums noch einmal um „kleinere und mittelgroße Werke“ (Museums-Chef Kurt Wettengel) erweitert haben. Sie stammen von dem Unternehmer Wolfgang Feelisch und den Erben seines Nachbarn Hermann Braun. Deren Heimatstadt Remscheid war nämlich auch so ein deutsches Fluxus-Epizentrum.

FLUXUS - Kunst für Alle! Ostwall-Museum, Leonie-Reygers-Terrasse, Dortmund. Bis 6. Januar. Eintritt: 5 €, erm. 2,50 € (incl. Dauerausstellung: 8 €, erm. 4 €). Führungen: sonntags, 15-16 Uhr sowie 21. 9., 12. 10., 16. 11. , 14. 12., jew. 18 Uhr. Tel. 0231 / 50-23247

Jens Dirksen


Kommentare
24.08.2012
07:45
Ostwall im Dortmunder U erinnert an die Fluxus-Bewegung
von Karl60 | #1

Für Fluxus gibt es auch ein anderes Wort - es heißt Verarschung!

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