Opern, Konzerte, Theater - Kinoabende ganz ohne Filme

Live-Übertragung aus der Oper: Wie die Diva Anna Netrebko in der Met sang, das konnten die Besucher auf dem New Yorker Times Square verfolgen.
Live-Übertragung aus der Oper: Wie die Diva Anna Netrebko in der Met sang, das konnten die Besucher auf dem New Yorker Times Square verfolgen.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Live-Übertragungen großer Kulturereignisse locken ein ganz neues Publikum in die Kinosäle. Und die Fans stehen stundenlang für Karten an.

Bochum/Düsseldorf.. Das Verhältnis zwischen Leinwand und Kinosaal stimmte an diesem Abend des 6. Juli überhaupt nicht. Dort etwa 80. 000 Menschen im Soldier Field Stadion von Chicago, die singend und tanzend das letzte Konzert der vor 50 Jahren gegründeten Gruppe The Grateful Dead erleben und feiern wollten. Und hier im Saal 8 des Bochumer UCI Kinos gerade mal etwa 40 Fans, die in stiller Ergriffenheit dem Ende eines Mythos beiwohnen wollten, der viele fast ein Leben lang begleitet hat. Das mag traurig klingen, aber für die Anwesenden war diese um einen Tag versetzte „Live“-Übertragung auf Großleinwand, mit starkem Sound und ganz nahe bei den Musikern, allemal ein Ereignis.

Bochumer Fans bei Grateful Dead

Drei Abende lang hatten sich die vier noch lebenden Dead mit Hilfe dreier Gäste, darunter Bruce Hornsby, ohne Wiederholungen durch die musikalische Geschichte der Band gespielt. Fast 60 Songs wurden so reanimiert und in die bekannte Architektur eines Grateful-Dead-Konzerts eingefügt – lange Improvisationen, wechselnde Sänger und mittendrin, mit „Drums“ und „Space“, schon fast psychedelisch anmutende Klang-Exkursionen. Alles war wie immer, vom Uraltsong „China Cat Sunflower“ zu Beginn bis zum anrührenden finalen A-capella-Gesang „Attics of My Life“. Und so gut es eben geht wurde auch das Loch geschlossen, dass der Tod von Bandleader Jerry Garcia vor 20 Jahren hinterlassen hat.

Dass man ein Ereignis wie die endgültige Abdankung einer Band inzwischen im Kino überlebensgroß miterleben kann, liegt an der Erkenntnis der Filmtheater, dass sich mit kulturellen Events inzwischen durchaus Kasse machen lässt. Immer wieder wird Neues ausprobiert, von dem man annimmt, dass es als Gemeinschaftserlebnis in vollendeter Technik die Menschen vom Bildschirm weglockt. Ganz neu beispielsweise ist der Versuch, E-Games-Meisterschaften auf der Leinwand live zu präsentieren. Wem das kein Begriff sein sollte: Es handelt sich dabei um den sportlichen Wettkampf zwischen Menschen mit Hilfe von Computern.

Musical Live aus New York, Moskau, London

Der Klassiker allerdings, mit dem dieses Nebengeschäft des Kinos eigentlich angefangen hat, das füllt die Häuser wie nie zuvor. Opernfans haben inzwischen längst erkannt, dass man selbst vor Multiplexkinos nicht mehr fies sein muss, wenn einem dort pro Saison zehn Inszenierungen von der New Yorker Met zu durchaus volkstümlichen Preisen (ca. 30 Euro) angeboten werden.

„Am Erstverkaufstag der Tickets für eine neue Saison“, so erzählt Bastian Thiel, Theaterleiter des Düsseldorfer Atelier-Kinos, „öffnen wir um zehn Uhr die Kasse. Aber um 6.30 Uhr stehen schon die ersten vor der Tür.“ Stammkunden kaufen dann meist die ganze Serie, egal ob Diva Anna Netrebko gerade wieder mal dabei ist oder nicht. Auch danach habe man noch Chancen, nur am Spieltag selbst sollte man tunlichst nicht ohne Karte erscheinen.

Wie die Met, so vermarkten inzwischen auch das Londoner Royal Opera House und das russische Bolschoi-Theater ihre Programme fürs Kino, Opern und Ballett in großem Stil. Die Bayreuther Festspiele machen dieses Jahr die Premiere der Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ zu einem bundesweiten Leinwandereignis, die „Aida“ wird aus dem Sydney Opera House übertragen.

Hoffnungsvoll gestartet ist inzwischen auch das Projekt „Exhibition on Screen“, wo man kommentierte Ausstellungen besuchen kann oder einzelne Museen vorgestellt werden. Weniger Erfolg hat man im Kino bisher allerdings mit Theateraufführungen erzielt. Was aber wohl zuvorderst daran liegt, dass sich fast ausschließlich Inszenierungen der Royal Shakespeare Company im Angebot befinden. „Wenn man Londoner West End-Produktionen mit Starpotenzial anbieten könnte“, so der Düsseldorfer Kinochef Bastian Thiel, „dann würde auch das funktionieren.“