Ölschinken gegen die DDR-Diktatur - Kamen zeigt kritische DDR-Kunst
03.02.2012 | 17:14 Uhr 2012-02-03T17:14:00+0100
Kamen. Eine Ausstellung im „Haus der Stadtgeschichte“ in Kamen zeigt alte Auftragskunst aus Ostdeutschland. Sie unterläuft alle politischen Richtlinien ihrer Zeit. Anfertigung und Besitz waren zu DDR-Zeiten nicht ganz ungefährlich. Schließlich konnten die Werke nur äußerst schlecht in die Toilette gestopft werden, wenn die Stasi kam
Das Konzept „Oppositionelle Ölbilder“ ist in der Diktatur erkennbar gewagt, denn man kann sie nur äußerst schlecht in die Toilette stopfen, wenn die Stasi kommt; außerdem werden Ölbilder ja auch hin und wieder öffentlich ausgehängt, und das gibt dann schon wieder Ärger. Vorausgesetzt natürlich, die Diktatur versteht den Angriff auf Pinseln überhaupt, und da hapert es dann mal. „Wir rätseln manchmal, ob bei denen, die das aufhängten, kritisches Potenzial vorlag, Dummheit oder eine Alles-Egal-Haltung“, sagt Tilman Schladebach, der Direktor von Burg Beeskow in Brandenburg.
Gelegen zwischen Berlin und Eisenhüttenstadt, lagert dort ein ebenso abgeschlossenes wie unerforschtes Sammelgebiet: die Auftragskunst der DDR. Was die Partei sich malen ließ, was die Gewerkschaft sich aufhängte, womit Kantinen geschmückt wurden, Ferienheime oder Rathäuser. Grafiken, Vasen, Teppiche Bilder. Und zwar 23 000.
Nicht ganz unerwartet, gibt es gewisse Schwerpunkte bei siegenden Arbeitern und unüberwindlichen Volksarmisten, und auch ein gewisser Lenin wurde immer wieder gerne dargestellt; wohingegen der auf ein Tierfell gemalte Staatsratsvorsitzende Erich Honecker eindeutig aus dem Rahmen fällt: ein Staatsgeschenk der kongenialen Volksrepublik Mongolei.
So. All das ist in Kamen nicht zu sehen.
„Haus der Stadtgeschichte“
Im „Haus der Stadtgeschichte“ in Kamen, der Partnerstadt von Beeskow, ist seit Freitag Auftragskunst aus der DDR der letzten Jahre zu sehen, allerdings solche, die die offizielle Linie sodann unterlief. Viele Maler hatten sich längst abgewandt, kritisierten mit Ironie und Überzeichnung, Hinterlist und Anspielung und Zitat die real existierende DDR.
Reichlich 500 Gemälde und Plastiken aus den Beständen des DDR-Außenministeriums lagerten vorübergehend im Auswärtigen Amt in Berlin. Besucher konnten damals feststellen, dass in der auswärtigen Präsentation der DDR weniger platte Propaganda zum Einsatz kam, dafür durchaus Stillleben, Winterlandschaften oder Bauerndörfer.
Es sind nur 19 großflächige Ölbilder, expressiv, surreal oder altmeisterlich, darunter je eines von Neo Rauch, Willi Sitte und Roland Borchers. Aber sie sind derart offensichtlich, dass man sich tatsächlich nur dem Beeskow-Direktor Schladebach anschließen kann: „Nicht zu begreifen, dass die Auftraggeber nicht erkannten, was sie da aufhängten.“ Vater und Sohn, wie sie diskutieren und sich abwenden vom roten Stern im Hintergrund. Ein Künstler, der festsitzt im Turm. Ein Mann, der sich vor der Jahreszahl 1985 eine Augenbinde abnimmt, und wie zur Provokation heißt das Bild auch noch: „Mann nimmt seine Augenbinde ab“. 1985 war das Glasnost-Jahr, aber das hielt das Politbüro ja sowieso für neumodischen Quatsch.
Spannung zwischen Utopie und Gegenwart
„Die Spannung zwischen sozialistischer Utopie und maroder Gegenwart schimmert durch“, sagt die Kuratorin Simone Tippach-Schneider recht milde. Und trotzdem wurden die Bilder gezeigt; da kann man glatt einen Satz Heiner Müllers anwenden, der 1987 die Erlaubnis, ein widerborstiges Stück in Ost-Berlin zu zeigen, so kommentierte: „Jetzt wird nicht mal mehr das verboten. Es ist eigentlich zuende.“
Weitere Information: „Bilderbühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988“ im „Haus der Stadtgeschichte“ in Kamen, Bahnhofstraße 21. Geöffnet dienstags bis freitags 10 bis 12 Uhr, dienstags bis donnerstags und sonntags 14 bis 17 Uhr. Seit Freitag und bis zum 1. März.
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