Nicht ohneKinder

In Schweden werden die Bäume erst jetzt grün. Der Winter ist lang (daran musste sie sich gewöhnen), und der Sommer kurz – doch dafür intensiver. Anja Humpfle-Bigrell hat einen Schweden kennengelernt und lebt nun seit fünf Jahren auf der Insel Lidingö vor Stockholm. Nicht in einem roten Holzhäuschen, sondern in einer Eigentumswohnung mit Balkon. Aber nur wenige Minuten vom nächsten See und Wald entfernt (womit wir das Schweden-Klischee nicht ganz zerstört hätten). Seit viereinhalb Jahren gehört Annika zur Familie. Das Paar hat sich bewusst für ein Kind entschieden. „Das verstehen hier viele nicht“, sagt die Mutter, die in Wesel aufgewachsen ist. „Man muss doch wenigstens zwei haben.“

In ihrer neuen Heimat sei das Kinderkriegen normaler. „Sie bekommen hier schon mit Anfang 20 Kinder.“ Die 41-Jährige und ihr 38-jähriger Mann sind die ältesten der Kita-Eltern. „Vom ersten bis zum sechsten Lebensjahr sind die Kinder dort.“ Eine entspannte Sache, denn es gibt eine Platz-Garantie – innerhalb von drei Monaten muss der Nachwuchs untergebracht sein.

Später geht er in die Vorschulklasse, dann folgen drei Jahre Grundschule, Mittelschule und schließlich Gymnasium ab der neunten Klasse. Für die Nachmittagsbetreuung sind Menschen wie Anjas Mann Mats zuständig: Er ist Freizeitpädagoge. „Ein Beruf, der jetzt erst in Deutschland im Kommen ist.“ Anja ist Arzthelferin, die in der Altenpflege arbeitet. Alleinerziehende, die nachts oder am Wochenende raus müssen, kämen in Schweden genauso ins Schleudern wie in Deutschland. Anja fühlte sich nur in der Schwangerschaft allein gelassen. Man könne nicht einfach zum Gynäkologen gehen, alles liefe über Hebammen. „Du bekommst erst nach dem dritten Monat einen Termin. Das war ein Schock.“

Die Schweden seien zwar antiautoritärer in ihrer Erziehung. Aber die Einstellung zu Alkohol, den es nur in Spirituosenläden gibt, sei aus ihrer Sicht etwas verkrampft und schütze die Kinder vielleicht gar nicht. „Viele Eltern trinken nicht mal ein Glas Wein zum Essen vor ihren Kindern.“

Insgesamt sei das Land sehr auf Kinder ausgerichtet. „Es gibt überall Wickeltische.“ Und in Museen Spielbereiche. Besonders glücklich ist sie über das Elterngeld: „Bis zum achten Lebensjahr haben wir mehr als 300 Elterntage, die man nehmen kann.“ Wenn sie mit ihrer Tochter zu Hause sein will oder muss, braucht sie keinen Urlaub zu nehmen. „Ich bekomme in der Zeit 80 Prozent von meinem Gehalt.“ Die Sozialversicherung macht es möglich. Und wenn Annika krank ist, können Anja oder Mats flexibler frei nehmen. Schwedische Männer teilten sich auch selbstverständlich mit der Frau die Betreuung bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Ob Erziehung, Haushalt, Einkauf – Anja schwärmt: „Man macht hier alles gemeinsam.“