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„Next to Normal“ – ein Musical der Gegenwart

07.03.2016 | 16:15 Uhr
„Next to Normal“ – ein Musical der Gegenwart
Dan (Rob Fowler, vorn Mitte) bremst seine Frau Diana (Maya Hakvoort), als sie Sandwichs auf Vorrat zubereitet (im Hintergrund Johannes Huth).Foto: B. Hickmann

Dortmund.   Die Dortmunder Oper begeistert mit Tom Kitts „Next to Normal“: Das Stück zeigt, dass Musical auch neues, aufregendes Gegenwartstheater sein kann.

Wer hierzulande von Musicals spricht, der meint entweder die Klassiker von „Kiss Me Kate“ bis „My Fair Lady“, oder die auf spektakulär getrimmten Großformate von Andrew Lloyd Webber & Co. Dass Musical aber auch neues, aufregendes Gegenwartstheater sein kann, diese Entwicklung geht an uns größtenteils vorbei. Da staunt man dann nicht schlecht, wenn die Dortmunder Oper mit „Next to Normal“ (Fast Normal) ein Stück auf den Plan setzt, in dem es um die Probleme einer amerikanischen Vorstadtfamilie geht. Großen Problemen sogar, denn Mutter Diana (Maya Hakvoort) leidet an bipolaren Störungen, was sich mal in tiefen Depressionen, mal in manischen Phasen äußert.

Das fast völlig durchkomponierte Musical von Tom Kitt und Texter Brian Yorkey entfaltet seinen Schwung und seine Dynamik un­ter der Regie von Stefan Huber auch am Dortmunder Haus. Natürlich mag da manches vorgegeben sein, dennoch hat man den Eindruck, dass Huber hier auch Akzente setzt. Das zweistöckige Haus der Goodmans beispielsweise wirkt wie ein schäbiger, unfertiger Betonbau, Spiegelbild einer Familie, die nie so recht weiß, wohin die Reise gehen wird. Und wenn die verzweifelte Diana schließlich einwilligt, sich einer Elektroschockbehandlung zu unterziehen, dann passen sich die Stromstöße wie selbstverständlich den Stroboskop-Blitzen einer Disco an, in der Tochter Natalie (Eve Rades) gerade im Drogenrausch herumtorkelt.

Das Stück ist düster, keine Frage. Aber das ist Webbers „Phantom der Oper“ auch, nur mit dem Unterschied, dass dort musikalisch auf der Stelle getreten wird. In „Next to Normal“ jedoch gibt es Töne für jede Seelenlage, ist die formidable sechsköpfige Band (Leitung Kai Tietje) mit allem ausgestattet, was Rock, Pop, Country, Jazz und gelegentlicher Schmalz so brauchen. Variationsvielfalt ist denn auch dringend nötig in dieser Familie. Mal lamentiert Vater Dan (Robert Fowler) darüber, dass die vielen Pillen seiner Frau die sexuelle Lust auf null schrauben. Mal meldet sich Sohn Gabe (Johannes Huth) zu Wort, der eigentlich im Kindbett gestorben ist, der seiner Mutter aber, erstaunlich erwachsen wirkend, wie eine Klette anhängt.

Kein Wunder, wenn Tochter Natalie bei diesem Umfeld das Klavierspiel vergisst und sich vollschnupft. Und Vater Dan will seiner Frau ja helfen, treibt sie unentwegt zu den Ärzten, möchte aber im Grunde eigentlich nur seine alte Diana zurück. Die aber ist schließlich fix und fertig: „Ich spüre überhaupt nichts mehr.“ Schade eigentlich, dass man zum Ende eines starken Abends hin die Ratlosigkeit nicht stehen lässt, sondern noch eine optimistische Botschaft anpappen muss. „Licht“ nennt sich der finale Song, der so auch auf jedem Kirchentag bestehen könnte.

Langer begeisterter Applaus.

Die nächsten Termine: 11., 17. März; 2., 8., 10., 13., 21., 29. April.

Arnold Hohmann

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„Next to Normal“ – ein Musical der Gegenwart
„Next to Normal“ – ein Musical der Gegenwart
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2016-03-07 16:15
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