Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Bühne

Neues Manifest am Dortmunder Theater

24.02.2013 | 18:07 Uhr
Neues Manifest am Dortmunder Theater
„Das Fest“: (v. li.) Christoph Jöde, Julia Schubert, Björn Gabriel, Caroline Hanke.Foto: Birgit Hupfeld

Dortmund.   Der Dortmunder Theaterchef Kay Voges begeistert mit seiner Inszenierung des Dogma-Films „Das Fest“ von 1998. Aber das reicht ihm noch nicht: Zusätzlich konfrontiert er das Publikum mit einem ganz eigenen Manifest. Wer genau liest, spürt auch die Ironie zwischen den Zeilen.

Man kann sich das Stück anschauen und die Geschichte zur Kenntnis nehmen. Man kann Vergleiche anstellen, Kay Voges’ bedrückende, atemberaubend aktuelle Inszenierung von „Das Fest“ abwägen gegen Thomas Vinterbergs Dogma-Filmvorlage von 1998 oder auch Burkhard Kosminskis Bühnenfassung zwei Jahre später, ebenfalls hier, im Dortmunder Schauspiel.

Man kann die Zuspitzungen sehen, die ins Groteske gesteigerte faschistoide Arroganz herauslesen aus der Geschichte vom Kinderschänder Helge, der im Kreise seiner Familie den 60. Geburtstag feiern will, bis Sohn Christian (Sebastian Kuschmann) eine Rede hält und von Vaters Badetagen berichtet. Niemand wird die schauspielerischen Leistungen bestreiten, von Andreas Becks schwammig verfetteter Vaterfigur bis hinab zur schrägen Enkelgöre Dorthe (Julia Schubert). Und vergessen wird man nicht, wenn am Ende der andere Sohn (Björn Gabriel) wieder und wieder in den Vater tritt.

Foto: Birgit Hupfeld

Radikale Einschnitte bei der Filmgestaltung

Man kann die Geschichte aber auch vor einem ganz anderen Hintergrund sehen. Am 13. März 1995 hatten die Regisseure des dänischen Dogma-Kollektivs, unter ihnen Lars von Trier und Vinterberg, ein Manifest unterschrieben, mit dem sie sich radikale Einschnitte auferlegten (nur Originalschauplätze, keine Bauten, kein künstliches Licht etc.) - bis hin zum verrückten zehnten Punkt: „Der Regisseur darf nicht genannt werden.“ „Das Fest“ war der erste dieser Dogma-Filme.

Jedes Studio muss ein Theater sein

Auch die Dortmunder Aufführung folgt Regeln: einem eigenen „Keuschheitsgelübde 20_13“, einem neuen Manifest – mit dem ersten Gebot, dass Dreharbeiten nur dort stattfinden dürfen, wo die Zuschauer anwesend sind. Woraus folgert, dass jedes Studio ein Theater und jedes Theater ein Studio sein muss. Konsequent weiter gedacht, hieße das die Aufhebung jeder Trennung von Film und Bühne, die Inauguration einer neuen Gattung, die nur aus dem Moment besteht. Voges’ „Fest“ folgt solchem Regelwerk - so weit es geht. Man sieht, durch eine Leinwand, im Bühnenhintergrund die Schauspieler die Kulissen schieben, permanenter Dreh im Dunklen, ein Kameraroboter überträgt.

Mal verdeckt die Illusion den Anblick ihrer Erzeugung, dann wieder fordert der Ernst der Handlung das Durchbrechen der Illusion. Wenn Christian seine Rede hält, tritt er vor die Leinwand. Und wenn Bruder Michael den Vater mit Tritten traktiert, sehen wir die fast leere Bühne. Die Illusionsmaschinerie ist fort.

Rainer Wanzelius



Kommentare
Aus dem Ressort
Freie Szene in Bochum fürchtet weitere Einsparungen
Kulturförderung
An der Gussstahlglocke auf dem Rathausplatz läutete die Freie Bochumer Kulturszene die „Alarmglocke“, weil sie sich und ihre Angebote im Kern bedroht sieht. Anlass des Protestes sind die Sparmaßnahmen der Stadt im Rahmen der Haushaltssperre.
Alexander Klaws begeistert Fans im Musical Jesus Christ
Musical
Ein Superstar als Superstar: der einstige DSDS-Gewinner Alexander Klaws spielt jetzt in Dortmund die Hauptrolle in dem Musical „Jesus Christ Superstar“. Das Publikum feierte die Premiere mit Beifall im Stehen sofort nach dem Schlusstakt.
Gesprächsrunde in Herne über Kunst in der Region
Kunstprojekt
Mit einer lockeren Gesprächsrunde zum Thema „Kunstmuseen im Ruhrgebiet“ in Herne endete am Sonntag die Ausstellung „Raumstücke“ im Rahmen des Projektes „RuhrKunstSzene“, in dem zehn Museen Kunst aus der Region zeigen. Das Konzept der Ausstellung fanden die bekannten Gäste durchaus spannend.
Atze Schröder stellt Comedy-Programm in Gelsenkirchen vor
Comedy
Atze Schröder testete in einer Preview-Vorstellung in der Gelsenkirchener Kaue sein neues Programm „Richtig Fremdgehen“ aus. Die Kunstfigur aus Essen erntete jede Menge Lacher. Eine Preview mit Höhepunkten, aber auch mit einigen elenden Rohrkrepierern. Ab Mittwoch geht es in die großen Hallen.
Düsseldorf inszeniert Camus "Gerechte" als reine Lehre
Theater
Debatten um Tyrannenmorde, die Gesellschaft und Gerechtigkeit: „Die Gerechten“ von Albert Camus im Düsseldorfer Schauspielhaus in der eisgrauen, glasklaren Inszenierung von Michael Gruner. Und er kommt ohne künstliche Verweise auf die Sprengstoffattentäter von heute aus.
Umfrage
Der Streik der Lokführer erhitzt weiter die Gemüter. Bahn und Gewerkschaft werfen sich gegenseitig verantwortungsloses Verhalten vor. Wie sehen Sie das?

Der Streik der Lokführer erhitzt weiter die Gemüter. Bahn und Gewerkschaft werfen sich gegenseitig verantwortungsloses Verhalten vor. Wie sehen Sie das?