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Neuer Walser-Roman: Selbstmord ist auch keine Lösung

07.01.2016 | 18:00 Uhr
Neuer Walser-Roman: Selbstmord ist auch keine Lösung
Der Schriftsteller Martin Walser hat einen neuen Roman geschrieben: „Ein sterbender Mann“.Foto: Felix Kästle

Hagen.   Wenn Martin Walser (88) den Roman „Ein sterbender Mann“ vorlegt, dann bedarf es wenig Phantasie, um darin ein literarisches Vermächtnis zu vermuten.

Wenn der fast 89-jährige Martin Walser am Freitag den Roman „Ein sterbender Mann“ vorlegt, dann bedarf es wenig Phantasie, um hier so etwas wie ein literarisches Vermächtnis, einen Abschied zu vermuten. Und so liest sich denn das Buch unter genau diesen Vorzeichen - und es wird den entsprechenden Mutmaßungen auch immer wieder zumindest punktuell gerecht.

Die knapp 300 Seiten, die Martin Walser für seine Geschichte vom lebensgebeutelten und also buchstäblich lebensmüden Theodor Schadt benötigt, verdichten sich zu einer anstrengenden Lektüre. Das liegt nicht nur am Thema, sondern auch an der Form. Es gibt hier nämlich keinen Erzähler, sondern ausnahmslos nur Briefe, Mails, Blogs und andere Textübermittlungen, die sich schier endlos aneinander reihen. Das wirkt mitunter ziemlich mäandernd, nervend sogar.

Lebensweisheiten werden neben Plattitüden gestellt, Berührendes trifft auf Selbstgefälliges, Nachvollziehbares wechselt mit Krausem.

Vom besten Freund verraten

Inmitten all dieser Formgebungen steht also der 72-jährige Theo Schadt. Einst ein wohlhabender Unternehmer und Schriftsteller von Ratgebern, nun ein Verratener und Desillusionierter. Verraten vom besten Freund, der ihn um sein Vertrauen und sein Vermögen gebracht hat. Derart hintergangen kann man schon am Leben verzweifeln. Und weil auch noch eine Krebsdiagnose dazu kommt, gleich doppelt. In seiner abgrundtiefen Verzweiflung nimmt Schadt Kontakt zu einer Suizid-Selbsthilfegruppe im Netz auf, und es entwickelt sich ein reger Gedankenaustausch. Alles könnte gezielt und diszipliniert dem eigenen Ende zusteuern, doch da verliebt sich Schadt noch einmal unerwartet in eine jüngere Frau: „Plötzlich zurückgeworfen ins Interesse des Lebens“, so formuliert Martin Walser diese überraschende Wendung. Oder anders: „Ihr Glücklichsein macht ihn auch glücklich.“ Es sind dies die freundlicheren, aufatmenden Wendungen in einem ansonsten eher düsteren See voll dunkler Ahnungen, Verbitterungen und auch kokettem Selbstmitleid.

Ungerechtigkeit des Alters

Denn in der Hauptsache lamentiert Walser über die vermeintliche Ungerechtigkeit des Alters, beziehungsweise des Altseins.: „Das Alter ist eine Niederlage, sonst nichts“, urteilt er unbarmherzig, und er erkennt schmerzlich rückblickend: „Kindheit hat stattgefunden nur für die Erinnerung.“ Dem Leser ruft er gleichsam zu: „Lass dir meine Wörter gefallen“, und alsdann traktiert er sie mit verklärten Sehnsuchtsgedanken und ausufernden Klagen. Vor allem die erste Hälfte des Roman ist eine einzige Beunruhigung, eine Kapitulation vor der Begrenztheit des Lebens, der man sich einzig durch Selbsttötung entziehen kann. Wer „Ein sterbender Mann“ als Gute-Nacht-Lektüre auswählt, muss entsprechend seelenrobust sein, um der depressiven Stimmung erfolgreich entgehen zu können. Immerhin sorgen die ausschweifenden Gedankenketten aber auch für eine gewisse Müdigkeit, die sich dann durchaus gnädig einstellt.

„Ein sterbender Mann“ mag ein kunstvoll gedrechseltes Werk sein. Es erreicht aber über weite Streckend nicht das Mit- und Nachfühlen des Lesers. Der sieht vor seinem geistigen Auge immer wieder den alten Martin Walser, der eine gewisse Selbstverliebtheit in Wort und Sinn zur Schau stellt. Der sich als greiser Liebhaber nicht nur des geschliffenen Wortes, sondern auch der erdachten Tat präsentiert. Aber auch das kann vielleicht Ausdruck eines sterbenden Mannes sein.

Andreas Thiemann

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2016-01-07 18:00
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