Neuer Fall für Detektiv Marlowe: Die gefährliche Schöne ruft

Detektiv Marlowe (hier gespielt von Robert Mitchum) hat stets mit hübsch-gefährlichen Frauen zu tun.
Detektiv Marlowe (hier gespielt von Robert Mitchum) hat stets mit hübsch-gefährlichen Frauen zu tun.
Foto: imago/United Archives
Was wir bereits wissen
In „Die Blonde mit den blauen Augen“ bietet John Banville alias Benjamin Black neuen Lesestoff für Fans des legendären Detektivs Philip Marlowe.

Essen.. Als der große Raymond Chandler, von Krankheit geschwächt und vom Whisky nicht mehr zu kurieren, im März 1959 im kalifornischen La Jolla verstorben war, hinterließ er den Anfang eines Romans mit seinem unvergessenen Philip Marlowe sowie einige Titel für weitere Kriminalromane. Chandler hatte den „hartgesottenen“ oder „schwarzen“ Kriminalroman nicht erfunden, aber auf den Höhenkamm der Literatur geführt. Verständlich, dass manch einer sich mit seinem Nachlass befasste, Robert B. Parker etwa hat vierzig Jahre später jenen Romananfang zum hübschen Kurzroman „Poodle Springs“ verlängert.

Krimi Noch interessanter aber sind die Titel ohne Buch: Vor allem „The Black-Eyed Blonde“ verspricht „Chandler at his best“ und wieder mal erotisch-attraktive Gefahr für Marlowe. Dies liefert nun nachträglich der beste Erzähler der irischen Gegenwartsliteratur. Wir verdanken John Banville eine Reihe großartig-subtiler Romane, einige könnte man sogar „Beinahe-Krimis“ nennen. Aber es gibt, quasi mit der linken Hand geschrieben und zunächst unter dem Pseudonym Benjamin Black publiziert, auch „richtige“ Krimis mit dem Gerichtsmediziner Quirke aus Dublin. Die sind so dunkel und bitter wie das dortige Bier.

Kopfweh vom Whisky

Davon kann jetzt bei der Blonden mit den blauen Augen nicht die Rede sein. Marlowe ist schließlich auch kein Guinness-Trinker, vom Whisky kriegt er Kopfweh und am liebsten mag er einen Gimlet („halb Gin, halb Rose‘s Lime Juice, und sonst nichts“). Dieser Drink spielt, wie Chandler-Leser wissen, in seinem Meisterwerk „Der lange Abschied“ eine besondere Rolle. Banvilles Blonde fügt sich nun nach diesem und dem Kurzroman „Playback“, aber vor „Poodle Springs“ in die Chronologie ein. Das ist wichtig, weil das eine Buch mit einem Heiratsantrag per Ferngespräch nicht von, sondern an Marlowe endet, und das andere mit ihm als bravem Ehemann (!) der reichen und liebenswerten Linda Loring beginnt.

Worum es aber nun im neuen Fall geht? Das ist gar nicht so wichtig – jedenfalls kommt alles vor, was man von und mit Marlowe erwarten darf: sein mickriges Büro, die gefährliche Schöne nebst millionenschwerer Mutter (diesmal aus der Parfümbranche), einsame Schachpartien aus dem Lehrbuch, kleine und große Schurken, darunter zwei Mexikaner mit langen Messern, aber auch Bernie Ohls vom Morddezernat und ein zwielichtiger Freund von früher. Und Marlowe weiß immer noch nicht, ob er Linda sein Jawort geben soll.

Älter und steifer in den Gelenken

All dies trägt zum besonderen Lesevergnügen für jeden bei, der einmal Chandler gelesen oder auch nur Marlowe im Kino gesehen hat, ebenso die Überraschung, die Banville am Ende aus dem Hut zaubert. Am meisten Spaß macht aber seine Schreibweise, die Balance zwischen genauer Nachahmung und subtiler Parodie, die vor allem in Marlowes Reden und Selbstgesprächen durchscheint. Ja, er ist inzwischen älter und steifer in den Gelenken, verträgt nicht mehr so viel (von allem), ist aber auch weiser, witziger und ein bisschen geschwätziger geworden. Wie es eben so geht im richtigen falschen Leben.

Zur entspannten Lektüre nachdrücklich empfohlen. Warum nicht mal mit einem Gimlet?

John Banville alias Benjamin Black: Die Blonde mit den blauen Augen. Ein Philip-Marlowe-Roman, Kiepenheuer &Witsch, 287 S., 15,50 €.