Neuer Chef macht Bild-Blog jünger, aber nicht zur Bravo
26.01.2010 | 07:08 Uhr 2010-01-26T07:08:00+0100
Essen.Sie decken Fehler in der Berichterstattung auf, prangern Bild-Kampagnen an und finden Schleichwerbung - die Blogger von BILDblog.de hinterfragen die Medienlandschaft. Bisher war Stefan Niggemeier das Gesicht dazu, jetzt hat der Bochumer Lukas Heinser die Leitung übernommen.
Sie haben zum Jahreswechsel die Leitung des Bild-Blogs von Stefan Niggemeier übernommen. Welche Veränderungen werden dem Besucher der Seite zuerst auffallen?
Lukas Heinser: Im Moment gibt es noch gar keine Änderungen. Wir machen einfach so weiter wie bisher. Ich versuche, noch ein paar neue Leute anzuwerben. Wir haben aber schon in den letzten Monaten neue Autoren hinzugenommen, Sebastian Wieschowski und Ronnie Grob zum Beispiel, um auf einen größeren Stamm zurückgreifen zu können.
Lukas Heinser arbeitet seit zweieinhalb Jahren im Team des Bild-Blogs. Seit Anfang 2010 hat er die Leitung von Mitbegründer Stefan Niggemeier übernommen. Der 26-Jährige kommt gebürtig aus Dinslaken, wohnt jetzt in Bochum. In seinem Blog „Coffee and tv“ schreibt er seit drei Jahren über persönliche Betrachtungen des Lebens und demnächst auch wieder verstärkt über Pop-Kultur.
Gibt es neben personellen Änderungen denn auch inhaltliche?
Heinser: Neue Ideen gibt es sicherlich. Wir werden uns in Ruhe zusammen setzen und das intern besprechen. Dann wird man die Veränderungen auch irgendwann im Blog sehen. Wir machen uns da aber überhaupt keinen Stress, sondern wollen in Ruhe gucken, wie man sich inhaltlich neu aufstellen kann. Was mir am Herzen liegt, ist, ein bisschen über die Hintergründe der Medienarbeit zu informieren. Zum Beispiel: Warum steht in vielen Zeitung oft der gleiche Text? Die schreiben nicht voneinander ab, sondern nehmen Agentur-Meldungen – was nicht so auffällt. Aber im Internet stehen so überall die gleichen Meldungen. Über solche Vorgänge wollen wir aufklären und ein bisschen Medienkompetenz vermitteln, damit Leser auch mündige Leser sind.
Und woher haben Sie selbst diese Medienkompetenz?
Heinser: Ich hoffe ja, dass ich sie habe. (lacht) Wenn man einmal anfängt, sich anzusehen, wie sich Fehler weiterverbreiten, wer sich auf wen beruft und wie Zirkelschlüsse in der Quellenangabe entstehen – desto offensichtlicher werden die Vorgänge dann.
Aber ein Studium in der Richtung haben Sie nicht?
Heinser: Ich hab Germanistik und Anglistik in Bochum studiert, durchaus mit medialen Schwerpunkten. Ich habe meine Abschlussarbeit über Internet-Sprache geschrieben. Das Thema hat mich immer schon interessiert. Außerdem habe ich viel gelernt in den zweieinhalb Jahren, in denen ich schon bei Bild-Blog arbeite. Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis, der das Blog auch mitgegründet hat, sind schon sehr gute Mentoren.
Bei welchen Themen muss man den Medien zurzeit besonders auf die Finger gucken?
Heinser: Zum Beispiel beim Thema „Hartz IV“. Die Bild hat aktuell zum Beispiel vorgerechnet, dass man als arbeitende Bevölkerung teilweise weniger verdient als eine Hartz-IV-Familie. Die Berechnungen sind laut paritätischen Wohlfahrtsverband falsch. In dem Bild-Kommentar zum Thema kam durch: Bild macht sich für eine Reduzierung des Hartz-IV-Satzes stark. Ich glaube, weil Roland Koch das Thema angestoßen hat. Und Bild und Roland Koch fahren ja gerne gemeinsame Kampagnen. So auch bei der Ausländerkriminalität, der angeblichen.
Auch interessant: Bei der Diskussion um die Körperscanner war es witzig zu sehen, wie Bild.de Fotos davon hatte, was von gescannten Körpern zu sehen ist. Das waren keine Fotos aus solchen Scannern, sondern selbst gebastelte Symbolbilder. Die haben es aber auf mysteriöse Art und Weise bis auf italienische Websites gebracht.
Was sind denn ihre Lieblingsfeinde?
Heinser: Niggemeier und Schultheis haben angefangen über Bild, Bild am Sonntag und Bild.dezu schreiben. Um klar zu sagen, dass das nicht diese Witz-Zeitung ist, von der Bildungsbürger sagen: „Das ist ja eh alles Blödsinn, was die schreiben. Das weiß aber eh jeder.“ Im Gegenteil: Die Bild kann sehr, sehr brutale Kampagnen fahren. Bild verbreitet teilweise bewusst Fehlinformationen. Was Persönlichkeitsrechte angeht, geht Bild immer wieder an die Grenzen und darüber hinaus. Das hat sich nicht groß geändert in all den Jahren. Und jetzt, wo Kai Diekmann noch sein eigenes Blogbetreibt und versucht, sich als großer, ironischer Vorzeige-Journalist zu zeigen, stehen plötzlich Lob-Lieder über ihn in der Frankfurter Sonntagszeitung. Der Mann kann sich natürlich sehr gut selbst inszenieren – aber er hat auch sehr viel Schaden angerichtet. Es gab schon viele Gerichtsentscheidungen gegen dieses Blog, und Diekmann trägt voller Stolz die dadurch entstandenen Gerichtskosten spazieren. Er ist halt nicht der nette, lustige Mensch, sondern er weiß schon sehr genau, was er tut – und das auch mit einigem Kalkül.
Also geht es weiter um die „Bild-Zeitung“ und alles, was dazu gehört?
Heinser:Ja. Zum anderen ist es auch immer wieder spannend, wenn Medien, die als Qualitätsmedien angesehen werden, sich einen großen Bock geleistet haben. Da ist dann die Fallhöhe noch ein bisschen größer. Oder wenn Agenturen wieder etwas völlig verbaselt haben, und Medien es einfach übernommen haben. Obwohl man ganz leicht hätte feststellen können, dass etwas nicht stimmt.
Was wird jetzt aus Ihrem bisherigen Blog, aus coffeeandtv.de?
Heinser:Ich hoffe, dass ich das weiterhin nebenher laufen lassen kann. Seit wir im letzten Jahr umgestellt haben auf „Bild-Blog für alle“ und uns mit allen Medien beschäftigen, stecke ich da sehr viel Energie rein. Ich bin aber nebenher immer noch dazu gekommen, genug für coffeeandtv zu machen. Ich hoffe, das das auch weiterhin so gehen wird. Ich will da wieder eher in Richtung persönliche Betrachtung und Pop-Kultur gehen.
Stefan Niggemeier ist 40, Sie sind 26. Wird jetzt auch Bild-Blog jünger?
Heinser:Es ist schon so, dass alle unsere neuen Autoren jünger sind als Stefan Niggemeier. Das Durchschnittsalter ist wohl gesunken. Aber ich weiß nicht, ob man das merkt. Vielleicht funktionieren Anspielungen auf uralte Fernseh-Serien nicht mehr. Aber wir wollen jetzt nicht versuchen, die Bravo unter den Medien-Blogs zu werden.
Das Interview führte Vera Kämper.
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