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Hitler-Buch

Neuauflage von "Mein Kampf" stößt im Handel auf Bedenken

08.01.2016 | 06:35 Uhr
Neuauflage von "Mein Kampf" stößt im Handel auf Bedenken
In der Universitätsbibliothek der Uni Duisburg-Essen kann man eine Originalausgabe von Hitlers "Mein Kampf" ausleihen - unter besonderen Bedingungen. Nun kommt erstmals nach 70 Jahren das Original neu in den Handel - als "kritische Edition".Foto: Archiv/Kerstin Kokoska, Funke Foto Services

Essen/Duisburg.   Ab diesem Freitag ist Hitlers Schrift "Mein Kampf" erstmals wieder im Handel. Manche Buchhändler weigern sich, die kommentierte Neuauflage anzubieten.

"Schnelle Lieferung - super Kerzen - DANKE !!!" Ebay-Anbieter "schauguck" hat sich bei seinen Ebay-Verkäufen bis dato auf Haushaltsgegenstände beschränkt. Zurzeit bietet er eine gebrauchte Einbauküche an. Und er sammelt Gebote für die jüngst erscheinende Neuauflage von Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf". Die war mal millionenfach in deutschen Haushalten zu finden. Erstmals nach 70 Jahren ist der umstrittene einstige NS-Bestseller an diesem Freitag aus dem Giftschrank verbotener Schriften und als "kritische Edition" neu in den Handel gekommen. Ebay-Anbieter "schauguck" hofft wohl auf ein einträgliches Geschäft. Doch im Buchhandel ist man reserviert.

"Nein, wir bieten das Buch nicht an", sagt zum Beispiel Elisabeth Evertz, Chefin der alt eingesessenen Duisburger Buchhandlung Scheuermann. Auch wenn das renommierte Münchner "Institut für Zeitgeschichte" (IfZ) hinter der Neu-Veröffentlichung steht, ist dessen umfangreich kommentierte "kritische Edition" für Everts "noch immer eine Neu-Ausgabe von Hitlers Text. Den zu vertreiben verstößt gegen meine Auffassung von meinem Beruf als Buchhändlerin".

Buchhändler behandeln "Mein Kampf"-Neuauflage mit spitzen Fingern

Der Internethändler Amazon meldete unterdessen bereits am Donnerstag, die Neuauflage sei "derzeit nicht verfügbar". Vorbestellte Bücher würden jedoch ab diesen Freitag verschickt. Wieviele, mochte ein Sprecher auf Anfrage nicht verraten. Laut IfZ wurden als Startauflage 4000 Ausgaben gedruckt, mit je 1948 Seiten in zwei Bänden. Preis: 59 Euro. Im Fokus haben die Herausgeber sehr stark Schulen und "historisch interessierte Leser".

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Viele Buchhändler behandeln die Neuauflage mit spitzen Fingern, die laut IfZ als "kritische kommentierte Gegenrede" zu Hitlers "Mein Kampf" konzipiert ist. "Wir werden das Buch nicht bewerben und auch keine Exemplare in die Regale stellen", sagt etwa ein Sprecher der Aachener Handelskette Meyersche, die Filialen auch an Rhein und Ruhr hat. Kunden könnten es ab diesem Freitag dort bestellen. In gewissem Umfang sei die kritisch kommentierte Fassung von "Mein Kampf" damit "je nach Zwischenhändler" am Samstag oder Montag beim Kunden. "Bis dato haben wir jedoch kaum Interesse registriert", sagt der Sprecher.

Unerwartet viele Nachfrage aus der rechten Ecke

In Duisburg hingegen hat Buchhändlerin Elisabeth Evertz "unerwartet viele Nachfragen" erhalten, "von Menschen, die wir bis dato nicht kannten und bei denen wir ahnen, aus welcher politischen Ecke sie kommen". Wer das Buch bei ihr verlange, "muss uns nachweisen, dass man es tatsächlich für wissenschaftliche Zwecke nutzen will". Dann würde Evertz es auf Verlangen bestellen.

In der Bochumer Universitätsbuchhandlung Schaten will man "zwei bis drei Exemplare im Laden haben", sagt Buchhändler Michael Friese. Er begrüßt die Veröffentlichung der kommentierten Fassung, "weil sie dazu beitragen kann, Hitler zu entmythologisieren", glaubt er. Wer sich mit dem Originaltext versorgen wolle, habe das bis dato über den Gebraucht- oder den grauen Markt gekonnt, sagt Friese. Strafbar war der Handel mit gebrauchten "Mein Kampf"-Ausgaben in Deutschland nie, wenn auch anrüchig.

Hitler-Werk wird ohne kommerzielle Interessen veröffentlicht

Dass Hitler nun in Neuauflage erscheint, liegt am Urheberrecht, das bis dato beim Freistaat Bayern lag und nun, gut 70 Jahre nach Hitlers Tod, erloschen ist. "Das Projekt ist zum Herstellungspreis kalkuliert", sagt eine Sprecherin des IfZ. Dass die "kritische Edition" von "Mein Kampf" im Selbstverlag des IfZ erscheine, sei "als politisches Signal zu werten, dass wir keine kommerziellen Interessen haben". Die Auflage sei zudem bewusst nicht "limitiert", wie es Amazon beschreibt, werde also von den Herausgebern nicht begrenzt, sondern ist "an der Nachfrage orientiert". Weitere Tranchen seien bereits im Druck. Der Buchhandel erhalte die bei den meisten Büchern übliche Marge von 30 Prozent.

Bei Amazon macht man keine Angaben zu Zahl und möglichem Hintergrund von "Mein Kampf"-Bestellern. Den Vorbestellungen nach - und wohl auch der noch geringen Auflage - ist die kommentierte Neuauflage noch nicht allzu stark gefragt: Auf Amazons "Bestseller-Rang" lag sie zuletzt auf Platz 21.125. Andere Bücher zu Hitlers Programm- und Kampfschrift sind deutlich besser nachgefragt. Amazon indes möchte mit der Neuauflage nach eigenen Angaben nicht groß Kasse machen, sagt ein Sprecher: "Die Erlöse aus dem Verkauf gehen an eine Organisation, die sich zu Gunsten von Opfern des Nationalsozialismus engagiert."

Dagobert Ernst

Kommentare
09.01.2016
22:38
Neuauflage von "Mein Kampf" stößt im Handel auf Bedenken
von Eckibaer | #17

Ich habe diese Buch vor fast 30 Jahren im Geschichtsuntericht im Rahmen eines Referates gelesen. Es ist eine ziemlich wüstes Gewühl aus Hasstriaden,...
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2016-01-08 06:35
Adolf Hitler, Mein Kampf, Hakenkreuz, Nationalsozialismus, Faschismus, Holocaust, Bücher, Buchhandel, Institut für Zeitgeschichte, IfZ, Geschichte, Historiker, Schule,
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