Nena will noch "mit 70 am Klavier sitzen und singen"

Nena veröffentlicht am Freitag ihr neues Album.
Nena veröffentlicht am Freitag ihr neues Album.
Foto: Archiv/dpa
Was wir bereits wissen
Freitag veröffentlicht Nena ihr neues Album „Oldschool“. Im Interview spricht die Hagenerin über Geldverdienen, Erziehung und abgerissene Jeanswesten.

Essen..  Sie ist fast 55, seit über drei Jahrzehnten in Amt und Würden und trägt immer noch die gleichen Jeanswesten wie zu „99 Luftballons“-Zeiten. Nena, sagt sie selbst, ist „Oldschool“, und da lag es nah, auch gleich das neue Album so zu nennen, das am Freitag herauskommt.

Die Songs hat Nena mit Samy Deluxe erarbeitet, und das hört man: mehr Electro, mehr Hip­Hop, gelegentlich verfremdet die Produktion Nenas Stimme bis zur Unkenntlichkeit. Die Texte? Von ausgelassen lebensfroh über besinnlich bis ziemlich albern. Steffen Rüth unterhielt sich mit Nena im „Soho House“ in Berlin.

Nena, Sie spielen im März eine Tournee durch kleine Clubs. Wieso?

Nena: Eine Oldschool-Clubtour passt perfekt zu meinem neuen Album. Ohne Firlefanz und großes Lichtspektakel auf die Bühne gehen und abrocken – das war mein Wunsch für diese Tour. Zu manchen Auftrittsorten habe ich auch einen persönlichen Bezug. Das „Pelmke Kulturhaus“ in meiner Heimatstadt Hagen zum Beispiel war vor 48 Jahren meine Grundschule oder das „SO36“ in Berlin, wo ich 1979 mal schräg gegenüber gewohnt habe...

Geld verdienen müssen Sie ja wohl nicht mehr.

Interview Nena: Doch, natürlich muss auch ich Geld verdienen. Was reinkommt, geht auch gleich wieder raus und landet nicht auf einem Sparkonto, sondern fließt in unsere Projekte wie die Neue Schule in Hamburg, die es jetzt schon seit sieben Jahren gibt.

In Ihrer Band spielen aktuell Ihre Tochter Larissa, Ihr Sohn Sakias und Ihr Sohn Simeon.

Nena: Richtig. Und ich habe sie nicht dazu gezwungen... (lacht) Meine Zwillinge haben schon seit ein paar Jahren einen Job als Background-Sänger in meiner Band und mein jüngster Sohn ersetzt diesmal einen meiner Keyboarder.

Denken Sie, „Mensch, ist super gelaufen mit der Erziehung?“

Nena: Das Wort „Erziehung“ findet bei mir nicht statt. Da sehe ich immer einen Erwachsenen, der ein Kind in seine Richtung zieht, so leben wir nicht miteinander. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und geben uns gegenseitig den Raum für maximale Entfaltung.

Was bedeutet der Begriff „Oldschool“ für Sie?

Showbusiness Nena: Mein erstes Album ist seit 34 Jahren draußen. Das fühlt sich ziemlich oldschool-mäßig an, könnte aber auch gestern gewesen sein. Oldschool ist inzwischen ein ganzheitliches Gefühl für mich, das alles miteinander verbindet. Es beschreibt auch den gegenwärtigen Zustand, in dem die Dinge mitschwingen, die man bereits erlebt hat. Früher wollte ich über Vergangenes nicht sprechen, weil ich dachte, „Fall erledigt, abgehakt.“ Heute ist mir die Vergangenheit stets willkommen.

Im Lied „Bruder“ erzählen Sie von Ihrem Sohn Christopher, der 1989 im Alter von einem Jahr starb. Wie ist das Stück entstanden?

Nena: Ich habe Samy mal von dem Tod meines ersten Kindes erzählt. Und als wir im Studio waren, bat er mich plötzlich um ein Gespräch unter vier Augen. Er hatte angefangen, einen Song darüber zu schreiben und wollte von mir wissen, ob es in Ordnung sei, wenn er sich da „heranwagt“. Was dann von ihm kam, hat mich sehr berührt. Ich fand später die richtigen Worte für die zweite Strophe, schöner kann man nicht zusammenarbeiten.

In „Berufsjugendlich“ stellen Sie sich die Frage, ob Sie alt geworden sind, und lassen die Antwort offen. Ist das ein Kompliment, wenn Sie jemand als Berufsjugendliche bezeichnet?

Nena: Es gibt in unserer Gesellschaft ja ganz offensichtlich eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie eine Frau mit 55 zu sein und auszusehen hat. Und dann ist die auch noch dreifache Großmutter... (lacht) „Berufsjugendlich“ ist eine humorvolle Antwort auf starre Bilder und Glaubensmuster.

Sie sagen in dem Song selbst, dass Sie nicht normal seien.

Nena Nena: Stimmt, ich bin nicht normal, weil es anscheinend eine klare Definition dafür gibt, was normal ist, und da falle ich glatt durch.

An ein Ende Ihrer Karriere verschwenden Sie keinen Gedanken?

Nena: So ist das eben, wenn man Oldschooler ist... Ich werde bestimmt noch mit 70 am Klavier sitzen und „99 Luftballons“ singen. Ich kann mir alles vorstellen, aber ich kann mir nicht vorstellen, keine Musik mehr zu machen.

Die abgerissene Jeansweste, die Sie auf Ihren neuen Fotos tragen, ist die eine Hommage an die Achtziger?

Nena: Ich habe immer eine Jeansweste im Gepäck... (lacht) Das ist ein Klassiker. Auch in Modedingen bin ich eben „oldschool“.