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Necla Kelek: "Eine Leitkultur ist von großer Wichtigkeit"

08.12.2007 | 10:16 Uhr
Necla Kelek: "Eine Leitkultur ist von großer Wichtigkeit"

Essen. Die Soziologin und Migrationsforscherin Necla Kelek wuchs in einer türkisch-muslimischen Familie auf, wurde in der deutschen Gesellschaft ausgebildet. Hier spricht sie über Auswirkungen ihrer kritischen Bücher, die Islamkonferenz und neue Projekte.

Frau Kelek, fast drei Jahre sind vergangen seit „Die fremde Braut“, zwei nach „Die verlorenen Söhne“. Hat sich durch die Bücher in den türkischen Familien in Deutschland etwas verändert? Ist eine Wende zum Besseren schon eingeleitet?

Kelek: Ich ziehe nur positives Resümee. Gerade kürzlich ist mir etwas Wunderbares passiert. Ich hatte für eine Gemeinde gekocht und hatte nur deutsches Publikum erwartet. Dann kamen aber viele türkische Frauen, auch mit Kopftüchern. Zunächst war mein Buch verhasst, die soziale Kontrolle war sehr stark. Und es ist ja nicht so, dass die Migranten, von denen ich schreibe, zuhause Bücher lesen würden, dann noch meine und sich mit diesen kritisch auseinander setzen würden.

Sie haben eher keine Bücher zuhause.

Kelek:  Nein, haben sie nicht. Deshalb war es so überraschend, dass eine große Gruppe türkischer Frauen gekommen war, um mir einfach die Hand zu geben und sich bei mir zu bedanken. Eine komplett verschleierte Frau sagte, sie sei beim Arzt gewesen, weil sie psychische Probleme habe. Der Arzt habe ihr gesagt: Lesen sie erst das eine Buch, und dann behandele ich sie weiter. Das war „Die fremde Braut“.

Ein Buch als Therapie

Als Therapie?

Kelek: Ja. Sie hat die ganze Nacht das Buch gelesen, und am Morgen konnte sie wieder ganz normal atmen. Dafür wollte sie sich bei mir bedanken.

Hat sie gesagt, was im Buch ihr geholfen hat?

Kelek: Sie war in einer solchen Gefangenschaft und sie hat keine Antworten gefunden, warum sie so leben muss. Sie hat immer nur bei sich den Fehler gesucht, dass sie sich nicht anpassen kann, dass sie etwas Falsches macht. Und dass sie deswegen bestraft wird – vom Leben, von ihren Eltern, von ihrer Umgebung.  „Die fremde Braut“ beschreibt ja genau diese Situation. Sie sagte, als sie gemerkt habe, dass nicht sie krank sei, sondern das System, in dem sie lebe, habe sie wieder atmen können.

Konnte sie aus dem Patriarchat herausbrechen?

Kelek: Nein, sie lebt noch darin und mit ihrer Familie. Aber für mich ist Freiheit nicht primär nach außen gerichtet. Der Mensch muss sich erst innerlich befreien. Und für mich war sie eine freie Frau – auch wenn sie heimlich gekommen ist, wie die anderen Frauen. Nach drei Jahren wird das Buch heimlich gelesen. Sie machen einen falschen Umschlag drauf und geben es heimlich weiter.

"Nicht jeder, der Deutsch lesen kann, ist frei"

In Ihren Büchern beschreiben Sie, dass diese Frauen meist kein Deutsch sprechen können, geschweige denn lesen. Und dennoch lesen sie dieses deutsche Buch?

Kelek: Nicht jeder, der deutsch lesen kann, ist frei. Auch die Frauen, die hier geboren sind, eine Schulausbildung haben, sind ja keine freien Frauen. Der Islam, der hier gelebt wird, behindert auch diese Frauen, ein freies Leben zu führen.

Dieser Frau, von der sie erzählten, hat das Buch geholfen. Wie sieht es mit „Ihren“ Bräuten und Söhnen aus? Hat sich deren Leben verändert? Haben Sie Kontakt?

Kelek: Nein, diese Moschee, in der ich die Interviews durchgeführt habe, ist angezündet und einige Monate später geschlossen worden. Ich habe nie wieder Kontakt zu diesen Frauen bekommen, weil auch ihre Männer heraus bekommen haben, dass sie mit mir gesprochen haben.

Wissen Sie, was mit ihnen geschehen ist?

Kelek: Ja, sie durften überhaupt nicht mehr weg, nicht mehr in die Moschee. Aber ich habe auch erfahren, dass sie nun sehr aktiv bei Deutschkursen mitmachen.

"Das ist nicht im Sinne der Frau"

In der Diskussion um die in Ihren Augen gescheiterte Integration haben sie unter anderem Arbeits- und Sozialämter kritisiert, auch Lehrer, sie würden falsch auf die Türken zugehen, falsches Verständnis zeigen. Findet das immer noch so statt, haben Sie dort einen Wandel entdeckt?

Kelek: Auch da habe ich ein Beispiel. Von einem Arbeitsamt in der Nähe von Hannover wurde mir berichtet, dass eine türkische Frau eine Putzstelle bekommen habe. Sie habe diese Stelle gewollt, aber der Mann habe gesagt: Nein, wenn du da hingehst, musst du einmal durch die Stadt laufen, das erlaube ich nicht. Sie hat die Arbeitsstelle abgelehnt. Das Arbeitsamt hat sich dagegen gewehrt, nein gesagt zur Ablehnung -  daraufhin war der gesamte Moscheeverein dort und hat solch einen Druck gemacht, dass das Arbeitsamt zurückgezogen hat.

Das Amt hat nachgegeben?

Kelek: Ja, da standen 30 bis 40 bärtige Männer vor dem Arbeitsamt, deshalb haben sie nachgegeben. Das ist nicht im Sinne der Frau und auch nicht im Sinne der Gesellschaft, wenn diese Herrschaften solche Rechte bekommen, dann haben wir wirklich in ein paar Jahren die Scharia hier.

Sind Ihnen Konsequenzen dieses Falles bekannt?

Kelek: Nein. Ich habe nur einen Brief geschrieben, dass ich das empörend finde. Aber auch darauf gab es keine Reaktion.

Im vergangenen Jahr kündigten Sie an, mit türkischen Ärztinnen und Psychologinnen Bücher über Sexualität und Hygiene publizieren zu wollen, für türkische Frauen.

Kelek: Das ist in Planung. Wir vernetzen uns mit akademischen Frauen, die im Beruf oder Institutionen aktiv sind.  Es sind nicht viele, aber die meisten sind Frauen. Wir führen mittlerweile eine andere Diskussion als die meisten anderen Migrantinnen, die auch im Beruf sind, aber alles verschleiern.

Wie sieht es mit eigenen Buchprojekten aus, nach „Die fremde Braut“ und nach „Die verlorenen Söhne“?

Kelek: Ich arbeite gerade an zwei Büchern, die nächstes Jahr zur Buchmesse herauskommen. Es ist ein Türkei-Buch, und es ist eins über den Islam.

Ein Buch über die Verhältnisse in der Türkei? Über den Ursprung der Probleme, die türkische Familien auch hier haben?

Kelek: Ja, ich gehe den Wurzeln nach. Die meisten Bräute kommen ja aus der Türkei. Ich habe ihre Situation hier beschrieben und nun schaue ich mir an, wo sie aufwachsen. Wie sie heute leben – nach 800 Jahren islamischer Herrschaft.

Islamkonferenz: Keine Lösungen, aber ein Auftrag

Sie sind seit mehr als einem Jahr Mitglied der Islamkonferenz des Bundes. Kann diese Institution Lösungen liefern?

Kelek: Nein, Lösungen auf keinen Fall, aber sie hat einen bestimmten Auftrag. Und zwar - was mir bisher gefehlt hat - dass die Öffentlichkeit bestimmte Fragen stellt an die Islamverbände. Wir haben die Islamfunktionäre jetzt direkt am Tisch. Jetzt können die Regierungsseite oder ich oder andere säkulare Muslime Fragen stellen.

Welche Fragen sind das?

Kelek: Wie finanzieren sie sich? Was ist ihr Grundsatz? Was vermitteln sie in der Moschee, was erzählen sie da den Kindern? Was ist ihr Lehrprogramm? Für wen arbeiten sie, für welches Land: für die Türkei, für Saudi-Arabien? Sehr kritische Fragen kann man dort stellen.

Aber konkrete Maßnahmen sind dort nicht möglich?

Kelek: Doch, doch. Die Islamvertreter fordern ja auch ganz konkrete Dinge dort. Sie wollen ihre Moscheen haben, ihre Medinas, wollen ihre Frauen verschleiern dürfen. Und sie berufen sich dabei auf die Religionsfreiheit. Da ist es gut, wenn ich und andere kritisch hinterfragen können.

Sie haben den Anspruch der Muslime auf Moscheen erwähnt. Im Kölner Moschee-Streit haben Sie sich auf die Seite von Ralph Giordano gestellt, Minarette als Herrschaftssymbole definiert – ähnlich wie die rechtsextrem eingestufte Wählergruppe ProKöln. Haben Sie Angst, vereinnahmt zu werden oder solchen Gruppe Vorlagen zu bieten?

Kelek: Ich habe einen ganz anderen Ansatz. Ich diskutiere inhaltlich über den Islam, damit er sich endlich den Reformen stellen muss, die in Europa notwendig sind. Europa ist eine Chance für uns Migranten, die aus Ländern kommen, in denen es diese Möglichkeiten nicht gibt. Das nutze ich und wenn da ein paar Gruppen entstehen, die anders ticken, dann habe ich damit nichts zu tun. Das ist nicht mein Anliegen.

Sie gelten als Frau der klaren Worte, haben zum Beispiel Alice Schwarzer unterstützt, die gesagt hat: Kopftücher sind wie Judensterne. Bedarf es dieser Drastik, um in der Öffentlichkeit Gehör zu finden?

Kelek: Es ist nicht nur ein Wort, das so drastisch ist. Das Leben ist drastisch. Wenn sie sich zuhause verhüllen und so leben würden – was das für sie bedeuten würde. Und wenn sie so herausgehen, dann sagen sie nonverbal auch etwas. Was diese Frauen einem sagen ist: Wir sind rein, ihr seid unrein. Ich schließe mich für meinen Mann, ich bin seine Ehre. Ich sehe sie ja, sie sagt mir doch was. Sie möchten, dass ich darüber nachdenke.

Sie sagen: Eure Welt ist schlecht?

Kelek: Ja, natürlich. Sie sagen, ihr seid unrein. Was das bedeutet: Ich müsste mich ja permanent waschen, ich käme gar nicht mehr aus der Wanne raus.

"Die Ausbreitung des politischen Islams bezieht sich auf die ganze Welt"

Haben Sie das Gefühl, dass die Hinwendung zum Islam in Deutschland noch größer geworden ist?

Kelek: Die Entwicklung und Ausbreitung des politischen Islams bezieht sich auf die ganze Welt. In der Türkei gibt es mittlerweile mehr Moscheen als Schulen, es gibt mehr Hodschas als Beamte, als Lehrer. Der zweitgrößte Posten im türkischen Haushalt nach dem Militär ist der für Religion. Sie bauen den Islam aus, sie islamisieren die Türkei – und es ist auch ihre Absicht, das mit Europa zu tun. Sie wollen den Islam als Alternative zum europäischen Leben.

Deshalb muss sich Deutschland an diesem Punkt positionieren?

Kelek: Ja, ich empfinde eine Leitkultur als von großer Wichtigkeit. Das ist ja auch eine große Herausforderung, das ist auch eine Chance für Europa, sich wieder auf die europäischen Werte zu besinnen und sich selbst zu hinterfragen. Zu reflektieren: Was macht eigentlich Europa aus?

Das Interview führte Mike Röser.

Mike Röser

Kommentare
11.12.2007
15:22
Necla Kelek: Eine Leitkultur ist von großer Wichtigkeit
von H D | #3

Jeden Tag die gleichen Themen: Islam, Türken, Immigranten usf. Gibt es nichts wichtigeres in Westeuropa? Offensichtlich nicht! - Wer hat uns das...
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Necla Kelek: "Eine Leitkultur ist von großer Wichtigkeit"
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2007-12-08 10:16
Kultur