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Naseputzen als Befreiung

18.07.2008 | 20:35 Uhr

Der ganz normale Alltag eines herzensguten Mannes: "Das Taschentuch" von Brigitte Kronauer ist bereits die Nummer 70 der Mediathek von WAZ und WDR

Willi Wings ist ein Gutmensch. Apotheker von Beruf. Einer, der geduldig älteren Damen zuhört und für jeden ein freundliches Wort übrig hat.

In Nummer 70 der Mediathek "Wir in NRW" von WAZ und WDR zeichnet Brigitte Kronauer in "Das Taschentuch" das Porträt eines Mannes, der durchaus das Potenzial hätte, Kanzler zu werden oder als "Verführer von Rang" aufzutreten, letzlich jedoch diese Möglichkeiten ob seines Charakters nicht ausschöpfen kann. Der Roman ist dabei nicht nur als Porträt angelegt, sondern protokolliert gleichzeitig die Geschichte einer jahrelangen Freundschaft. Schriftstellerin Irene Gartmann lenkt als Ich-Erzählerin den Blick des Lesers auf "ihren" Willi, mit dem sie seit Kindertagen eine innige Vertrautheit verbindet.

Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, hat einige Jahre als Deutschlehrerin gearbeitet, bevor sie sich 1974 ihren Jugendtraum erfüllte und eine schriftstellerische Laufbahn einschlug. Kronauers Texte durchzieht das Bewusstsein von der Komplexität der Welt, die sie vor ihren Lesern Kaleidoskop ähnlich aufspannt. Dabei muss man auf der Hut sein, denn nie sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Programmatisch für dieses Verfahren ist die Eingangsszene des 1994 veröffentlichten Romans "Das Taschentuch".

Irene Gartmann beschreibt einen feuchtfröhlichen Abend in einer Hotelbar. Sie trinkt nach einer Lesung mit zwei Literaturkritikern einige Whiskey zuviel, es wird geplaudert, untereinander und mit dem Barkeeper. Erst, als die Autorin auf der Straße stehend ihre Begleiter abfahren sieht, erfahren wir, sie ist nicht allein. Und war es auch den ganzen Abend über nicht. Willis Anwesenheit blieb unerwähnt, denn sie "war nicht ins Gewicht gefallen", so der lapidare Kommentar. In minutiösen Schilderungen alltäglicher Episoden, die die Protagonisten erleben, flicht Kronauer geschickt Reflexionen über das Schreiben und das Zeitgeschehen ein.

Wiederkehrendes Symbol des Romans ist das Titelgebende Taschentuch. Willi, der sich laut Irene lieber als jeder andere die Nase schnäuzt, dient es als Rettungsanker in einer Umgebung, in der er sich nicht behaupten kann. Kein Wunder, dass es Willi Wings immer wieder schwindelt in einer sich zunehmend schneller drehenden Welt. Sein Tod ist so unspektakulär wie sein Leben: Er stürzt auf eine Bordsteinkante.

Brigitte Kronauer: Das Taschentuch. Klartext, 256 Seiten, 7,95 E

Von Julia Hildebrandt

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