Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Theater

Nächtlicher Ehekrieg bis zur Erschöpfung

28.12.2012 | 20:55 Uhr
Nächtlicher Ehekrieg bis zur Erschöpfung
Martha (Friederike Tiefenbacher, vorn) verführt ihren Gast (Björn Gabriel). Hinten: Axel Holst, Julia Schubert.Foto: Birgit Hupfeld

Dortmund.   Edward Albees Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ gehört noch immer zum festen Repertoire der Bühnen. Und keiner hat Angst vor dem Vergleich mit der Verfilmung und mit Elizabeth Taylor und Richard Burton. Jetzt läuft das Stück in Dortmund. Die Reise lohnt sich.

„Unsere Tränen“, sagt Ehefrau Martha an einer der ruhigeren Stellen des Abends, „fangen wir auf, schieben sie ins Gefrierfach und kühlen anschließend damit unsere Drinks.“ Das ist einer dieser leisen Momente in Edward Albees Ehedrama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, die man sonst inmitten der Wortgefechte von Martha und ihrem Gatten George kaum wahrnimmt, wenn sie nicht gar gestrichen wurden.

In der Dortmunder Inszenierung der Niederländerin Liesbeth Coltof wird nicht viel gestrichen. Da geht das verbale und manchmal durchaus auch physische Punching über gute drei Stunden, Pause inklusive, bis zur völligen Erschöpfung der Akteure und der Zuschauer. Die nämlich erleben diesen Abend im Studio des Theaters derart hautnah, dass man sich eher als Zeuge denn als Publikum fühlt. Weit ragt das Wohnzimmer in den kleinen Raum hinein (Bühne: Guus van Geffen), zwingt den Besucherbereich geradezu in eine U-förmige Sitzgestaltung. Als einzige Absperrung dient reihum eine Kette aus Schnapsflaschen, die mit der Zeit immer durchlässiger wird.

Szenen einer ausgeleierten Ehe

Doch schieben wir es nicht nur auf den geringen Abstand zu den handelnden Personen, wenn dieser Abend so wunderbar gelingt. Geben wir lieber zu, dass es vor allem die Schauspieler sind, die den ganzen Facettenreichtum von Albees Stück locker und spielerisch vor uns ausbreiten. Bekanntlich geht es in diesem Stück um nächtliche Szenen einer ausgeleierten Ehe, die Martha und George aber regelmäßig mit Psycho-Spielchen zwischen Schein und Lebenslüge aufrecht zu erhalten versuchen. Am liebsten, wenn sie ihre mit reichlich Verbalkot gespickten Dialoge vor verblüfften Gästen aufführen können. Das beflügelt sie geradezu. Diesmal sind der junge Wissenschaftler Nick und seine verhuschte Gattin Honey die Opfer.

In der Regel führt man bei Rezensionen von Inszenierungen dieses Stücks immer die „unerreichte“ Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton an. Das ist in diesem Fall völlig unnötig, weil vor allem das Spiel von Friederike Tiefenbachers Martha und Axel Holsts George den Film völlig vergessen machen.

Furchtloser Körpereinsatz

Holst ist herrlich in seiner unaufgeräumten Zerzaustheit und bedrohlich in seinen unvorhersehbaren Attacken. Friedrike Tiefenbacher zahlt es ihm mit harter Münze und auch furchtlosem Körpereinsatz zurück. Die Gäste Nick (starker Einsatz: Jörn Gabriel) und Honey (Julia Schubert) werden in diesen Mahlstrom hineingezogen und für immer verdorben am Ende wieder ausgespuckt.

Ach, das Ende. Die Schauspieler haben alles gegeben, haben ein Stück über drei vibrierende Stunden getragen. Die Zuschauer finden gerade noch die Kraft, sie dafür zu feiern.

Arnold Hohmann



Kommentare
Aus dem Ressort
Achenbachs Frau klagt wegen Kunstwerken gegen Albrecht-Erben
Kunsthandel
Im November wird sich erstmals ein Gericht mit den Betrugsvorwürfen gegen Kunstberater Helge Achenbach beschäftigen. In einem weiteren Zivilprozess am gleichen Tag fordert die Frau von Achenbach von den Albrecht-Erben vier Kunstwerke im Gesamtwert von 530.000 Euro zurück.
Larissa Kastein tritt bei Flic Flac in Oberhausen auf
Cirkus
Larissa Kastein ist ist ein richtiges Kind des Circus. Als Tochter von Benno Kastein, einst einer der Gründer von Flic Flac und heute der Chef des Unternehmens, ist sie im Circus aufgewachsen. Die Akrobatin trat im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal in der Manege auf.
Wie Ulla Hahn als Arbeiterkind zu den '68ern kam
Literatur
Ulla Hahn hat ihren autobiografischer Roman fortgesetzt, der 2002 mit dem Bestseller „Das verborgene Wort“ begann, mit dem ebenfalls gut verkauften „Aufbruch“ 2009 fortsgesetzt wurde. Nun ist Teil 3 erschienen: „Spiel der Zeit“ umkreist die Studienjahre der Schriftstellerin in Köln bis zum Jahr...
"Helenisierte" Fans fiebern Konzert in Oberhausen entgegen
Helene Fischer
Am Dienstag und Mittwoch beginnen in der Oberhausener Arena die Festspiele von Goldkehlchen Helene Fischer: Die beiden Shows ihrer „Farbenspiel“-Tournee sind mit 20.000 Fans längst ausverkauft. Im Internet kosten Karten bis zu irrwitzige 300 Euro. Wie Fans der Sängerin trotzdem nah kommen.
Star der Generation Langspielplatte – Udo Jürgens wird 80
Geburtstag
Der Sänger, Komponist, Pianist und Entertainer feiert am Dienstag seinen achtzigsten Geburtstag. Man sieht ihm das Alter nicht an. Der Mann ist fit wie nie. Und seine Lieder sind unvergessen. Die Generation Langspielplatte feiert ihn nun schon fast seit einem halben Jahrhundert.
Umfrage
Essen testet jetzt, ob nächtliches Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen etwas für den Lärmschutz bringt. Was halten Sie davon?
 
Fotos und Videos