Nachsitzen in der Schule der Gewalt
10.02.2012 | 16:34 Uhr 2012-02-10T16:34:00+0100
Essen. In ihrem neuen Fall geht die pensionierte Ermittlerin einem alten Fall nach - und stößt auf ganz junge Verdächtige. „Der Fahrgast und das Mädchen“ zeigt die große Hannelore Hoger auf der Penne und in einem Fall, der nicht zu den besten der Reihe gehört.
Das soll Bella Block sein? Eine Frau, die brav ihre Bauchmuskelgymnastik macht und sich zum Elbblick einen schwarzen Tee bestellt – ohne Schuss!? Ja, das ist Bella, ein bisschen älter geworden, aber blockseidank nicht so schrecklich vernünftig, dass sie ihrer berühmten Alleingänge gänzlich müde wäre.
„Bella Block – Der Fahrgast und das Mädchen“ (ZDF, Sa., 20.15 Uhr) mag ein paar liebgewonnene Macken dieser deutschen Lieblingsermittlerin über Bord werfen, ohne Ehrgeiz geht man darum noch lange nicht vor. Im Gegenteil: Fabian Thaeslers literarisch bemühtes Buch verhindert, dass wir es mit einem der besten Fälle zu tun bekommen. Denn es ist überambitioniert, verliebt in eine Erzählung Franz Kafkas. „Der Fahrgast“, die dunkle Sinnsuche während einer Straßenbahnfahrt, grundiert den jüngsten Fall der Rentnerin Block.
Kafka-Variationen
„Bildungslücke“, sagt Bella trocken, als sie von Kafka und seinem Weg ins Hamburger Schultheater hört. Da, auf dem Pausenhof, ist Frau Block längst im Einsatz, eingespannt, wie ein altes Rennpferd, das man noch mal aus dem Stall holt. Staatsanwalt Mehlhorn (zuverlässig und seit Simon Abendroths Abschied eine Bank im Spiel um Bella: Hansjürgen Hürrig) hat sie überredet: verdeckte Ermittlung, Sonderausweis der Behörde et cetera.
Es ist ein alter Fall, der halben Kindern in die Hände gespielt wird. Oberschüler ballern mit einem gefährlichen Fundstück in die Luft: Die Baretta hat Geschichte, sie half ein junges Mädchen zu töten. Und indirekt seine Mutter, die Wochen später Selbstmord beging. Mehlhorn hatte sie geliebt vor 30 Jahren – ein Grund mehr, nicht nachzulassen bei der Suche nach dem Täter.
Es ist in der Block-Reihe das Regiedebüt des Thorsten C. Fischer („Tatort“, „Sperling“). Und so schwer sich das Drehbuch tut, den alten Fall in die neue Zeit leicht verwöhnter und schwer gefährdeter Jugendlicher hinüberzuretten, so meisterlich sind die Bilder und Stimmungen, die Fischer und sein Kameramann Michael Wiesweg dafür finden.
Sie erzählen bestechend ausgeklügelt von diesem Mobile der Abhängigkeiten und Schwächen. Die Bilder kommentiert schlau gewählte Musik, mal US-Songwriter, mal romantisches Klavierkonzert, dann nervöser Minimalismus im Stil eines ablaufenden Ultimatums. Wer Filme auch um der Filmkunst willen sieht, geht aus diesen 90 Minuten ästhetisch nicht ohne Genuss.
Zugleich aber wird ihn die Geschichte eines Jugendlichen, der seine Lehrerin (Katharina Wackernagel) auswählt, gemeinsam „abzuspringen“ aus diesem Jammertal des ewigen Fahrgastdaseins, kaum befriedigen. Zu konstruiert, zu schief scheint der Bogen, denn Thaesler aus einem alten Verbrechen und den Krankheiten der Jugend im 21. Jahrhundert zurechtbiegt. Auch wenn Jacob Matschenz (trotz unüberhörbaren S-Fehlers) als Schüler Lenny wundervoll diskret das beklemmende Porträt eines jungen Wahnsinnigen zeichnet.
Sauer auf die Polizei
Es gibt ein spannendes Schlussviertelstündchen, ja. Fans aber wird das liebenswert Private an Bella fehlen. Nicht wegen des Wodkas, sondern wegen des Menschlichen, das wenige in der hiesigen Krimilandschaft in dieser immer noch schönen Rolle so unverbraucht ausleben konnten wie Hannelore Hoger. Am Ende zieht sie als Bella Block genervt ab. Die alte Polizistin ist sauer auf die Polizei. Und dass sie sich bequatschen lassen hat, für die Behörde loszuziehen, die ja entweder aus Sesselfurzern besteht oder aus solchen, die den Finger immer ein bisschen zu schnell am Hahn haben.
„Passen wir mehr aufeinander auf“, sagt ihr alter Schüler Martensen (Devid Striesow) zu ihr. Ein wichtiger Satz – das ZDF sollte ihn beim nächsten Block-Fall im Kopf haben.
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