Nach der Wahl ist vor der Wahl

Im Konzert übertreffen Berlins Philharmoniker nicht selten kühnste Erwartungen. Nun ist es ihnen auch draußen gelungen. Elf Stunden haben 124 Spitzenmusiker getagt, sich die Meinung gegeigt, auf die Pauke gehauen. Alles mit einem hehren Ziel: den besten Chefdirigenten zu wählen. Einen, der die Tradition ehrt. Einen, der mit beiden Beinen im 21. Jahrhundert steht. Einen, der jenem Medienhype gewachsen ist, der die Klassik längst im Griff hat. Und noch 121 andere Charakterköpfe, könnte man vermuten. Jedenfalls gab es nicht für einen der großen Namen gute Mehrheiten. Und nun wartet man ein Jahr.

Auch wenn die Zeit nicht drängt: Ein gutes Zeichen ist das nicht. Sicher: Jedem, der Montag seine Stimme erhob, ging es darum, eines der besten Orchester der Welt in eben dieser Liga zu halten. Und das bei wachsender Konkurrenz, bei immer ehrgeizigeren Klangkörpern von Paris bis Amsterdam. Doch würde es einen schon sehr wundern, wenn die Klüfte zwischen den Meinungsführern der Berliner Philharmoniker durch Zuwarten kleiner würden.

Richtig aber war es, keinen nächtlichen Kompromisskandidaten aus dem Hut zu ziehen. Jeder hätte gewusst, dass der kaum die Hälfte der Musiker hinter sich hätte. Das hätte ihn geprägt, die Wertschätzung des Publikums und auch die Berliner Philharmoniker selbst. Diese Nicht-Wahl ist gewiss kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Orchesters. Die These vom Weltuntergang behalten wir uns für andere Szenarien vor.